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Uwe Trester.
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Uwe Trester.

Taunus

Jäger der Originale

Ob Röhrenradio oder Sportmotorrad: Uwe Trester aus Oberursel spürt technische Antiquitäten auf und restauriert sie.

Ein Grammofon mit Sterlingmotor statt einem Federwerk als Antrieb: Das ist wohl das Kurioseste, was ihm je begegnet ist, sagt Uwe Trester. Denn bei Kuriosem und Seltenem kennt er sich aus. Jedenfalls wenn sich daran Zahnräder drehen, Federn spannen, Hebelchen und Lager mechanische Arbeit verrichten, Kolben und Riementriebe sich bewegen, wenn es rasselt, scheppert, brummt, summt, knattert oder kratzend Musik der 1920er Jahre von Schellackplatten erzeugt.

Der 58-Jährige sammelt „technische Antiquitäten“, wie er sie nennt, und handelt mit ihnen. Sein oberstes Gebot dabei: Originalzustand. Uralte Fahrräder, teils noch mit Petroleum- oder Carbid-Lampen, hochbetagte Motorräder, Grammofone, möbelstückgroße Vorkriegsradios, Blechspielzeug, Schellackplatten, historische Blech- und Emaille-Werbeschilder, die etwa „Fichtel & Sachs“, „NSU Sportmotorräder“ „Torpedo Dreigang“ oder „DKW Motorräder – siegerprobt und meistverkauft“ anpreisen.

Angefangen hat alles vor gut 40 Jahren mit dem Sammeln alter Fahrräder. Und das Suchen, Sammeln und Auftreiben hat der ehemalige Kaufmann in der Maschinenbaubranche vor gut fünf Jahren zum Beruf gemacht. „Man wird nicht reich davon, aber glücklich.“ Und zu diesem Glück ist ihm kein Weg zu weit. Selbst in Thailand hat er schon ein indisches Fahrrad aufgetrieben und dann einen Import aufgemacht.

„Alte Technik hat mich schon immer fasziniert. Früher wurde man belächelt, heute ist der Sammlermarkt etabliert“, sagt er und stopft seine Pfeife. „Tresters Originalzustand“ heißt sinnigerweise seine Homepage, auf der er seine Schätze anpreist. Seine Kund:innen, in deren Auftrag er auf die Jagd geht, seien alles Enthusiasten, Idealisten, Träumer und irgendwie Spinner wie er.

„Da sucht jemand ein bestimmtes französisches Vorkriegsmotorrad, und ich werde es finden“, lacht er verschmitzt über seine Lesebrille. „Oder die und die NSU-Maschine von 1953. Das kann Jahre dauern, aber ich bin gut vernetzt und arbeite mit vielen Partnern vor Ort zusammen.“ Man kennt sich in der Szene über Grenzen hinweg.

Mindestens einmal im Monat macht er mit seinem Transporter eine Frankreich-Tour. „Das kann auch schon mal nach Marseille und über die Bretagne und Paris wieder zurück führen. Die Franzosen haben nie so viel weggeschmissen“, erzählt er. Ja, die Beschaffung, das Aufspüren ist sein Ding. „Das macht es ja so spannend. Ich habe immer den gepackten Koffer im Flur stehen.“ Und es gebe immer mal wieder einen überraschenden „Beifang“ etwa bei den unter Sammlern und Oldtimerfreunden ersehnten Scheunenfunden: „Wenn der Uropa 1930 sein Motorrad oder Fahrrad endgültig abgestellt hat, findet sich oft auch noch die passende originale Lederbekleidung oder Montur dazu.“ Auch für die fände er dann Liebhaber.

Für den Erwerb einer Sammlung Grammofone ging es kürzlich nach Baden-Württemberg. Jetzt hat er ein Gerät englischer Herkunft, Jahrgang 1905, namens „His Masters Voice“ mit dem berühmten Hund, der in den Trichter lauscht, in der Werkstatt. Ein Kunde warte seit Jahren darauf.

Auch ein kommodengroßes Röhrenradio von Sears Roebuck & Co aus den USA, Baujahr 1935, hat er in Arbeit. „Sehr selten in Europa. Das war ein Glücksfall“, erklärt er stolz. Das gute Stück geht nach Berlin zu einem Kunden aus der Swing-Szene. Die alten Radios werden nicht verkauft, ohne ein zeitgemäßes, digitales Innenleben verpasst zu bekommen. LAN-, WLAN- und bluetoothfähig sowie per Handyapp steuerbar werden sie gemacht. Trotzdem erzeugen sie Swing-, Jazz-, Dixie- und Schlagerklänge, dass man sich in die 1930er Jahre zurückversetzt fühlt. Die Comedian Harmonists lassen grüßen.

Trester versteht sich nicht als Restaurator, sondern als Jäger und Sammler. „Das mit dem Top-Restaurieren ist ohnehin vorbei“, hat er beobachtet. „Da hat ein Sinneswandel in der Sammlerszene stattgefunden. Die Objekte sollen ihre Geschichte erzählen. Das ist das Gegenteil von ,Retro‘.“ Will heißen: Verblichene Farben, Patina, Kratzer, sichtbare Spuren sind erwünscht. Toprestaurierte Objekte hätten sogar an Wert verloren. Auf „unzeitgemäß neu“ restauriert, nennt er das. Er hat für Dinge, die nach einer Restaurierung „neuer als fabrikneu“ daherkommen, wenig übrig.

Sichtbar auch an dem Dürkopp-Motorrad in seiner Werkstatt. Die kleine Maschine lief im Jahre 1940 in Bielefeld vom Band, wurde aber nie gefahren. Dennoch sind dem Motorrad seine 81 Jahre unschwer anzusehen.

„Man sollte halt breit aufgestellt sein. Ich mache hier ja keinen klassischen Ladenhandel, kenne aber all die Leute, die etwas ganz Bestimmtes suchen“, erzählt der Ur-Orscheler. Aber Corona mache auch einer so skurrilen Branche wie seiner die Beschafffung schwer.

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