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Mehr als 4500 Humorpostkarten haben Dirk und Regina Streitenfeld gesammelt. Knapp 1000 haben es in ihr Buch geschafft.

Oberursel

Geschickte Witze in Buchform

  • Meike Kolodziejczyk
    vonMeike Kolodziejczyk
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Das Oberurseler Künstler- und Galeristenpaar Dirk und Regina Streitenfeld hat ein Buch zu historischen Humor-Postkarten herausgegeben.

Die Karte, mit der alles begann, ist nichts für keusche Gemüter: Ein nackter Mann und ein hässlicher Hund stehen einander in einem Tümpel gegenüber, der Köter erkennt die frappante Ähnlichkeit zwischen sich und dem menschlichen Gemächt und begrüßt freudig „Papa“. Dirk und Regina Streitenfeld haben die Postkarte 1976 in einem Souvenirladen in der Bretagne entdeckt – und zum Leidwesen der peinlich berührten Dame an der Kasse auch gekauft. Die Reaktion der Verkäuferin habe sie angespornt, sich aufmerksamer nach solchen Scherzpostkarten umzuschauen, berichtet das Künstlerpaar aus Oberursel. „Wir waren neugierig auf das Medium, das uns speziell im Urlaub in Frankreich immer wieder überrascht hat.“

Phototypie ohne Titel, um 1900.

Mehr als vier Jahrzehnte später haben die Streitenfelds nun ein Buch herausgegeben mit dem schönen Titel „Lachen à la carte. Humor auf historischen Postkarten“. Denn die beiden haben nicht nur in ihren Urlaubsorten sämtliche verfügbaren Humorpostkarten erstanden, ihre Suche ging bald auch zu Hause weiter, auf Flohmärkten in der Region, auf Postkartenbörsen, Briefmarkenauktionen, später im Internet. Anfangs hätten sie noch kein klares Ziel vor Augen gehabt. „Wir wollten einfach nur sammeln und irgendwann das Material sichten.“

Mehr als 4500 Postkarten haben Regina und vor allem Dirk Streitenfeld in all den Jahren zusammengetragen, die ältesten stammen aus den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts. Umso erstaunlicher, dass historischen Humorpostkarten in Forschung und Wissenschaft bis dato kaum Beachtung geschenkt wurde. Tatsächlich ist „Humor à la carte“ das erste Buch im deutschsprachigen Raum, das sich mit diesem etwa 120 Jahre alten Genre befasst. „Geradezu absurd“ sei das, sagt Streitenfeld, dabei hätten Humorpostkarten ihren Anfang genau in der Zeit des „Übergangs vom Sprachbild hin zum visuellen Abbild“ gehabt. Doch weil mit der „Kleinheit der Bildbotschaften eine gewisse Nichtigkeit assoziiert“ werde, hätten Historiker und Linguisten den Gehalt der Karten bislang so nicht wahrgenommen.

„Vor und nach der Kur“: Deutschland ca. 1910.

Das Aufkommen bestimmter Postkarten ging meist einher mit technischem und sozialem Wandel und war geradezu Ausdruck desselben. Als zum Beispiel kurz vor der Wende zum 20. Jahrhundert das Gesundheitssystem reformiert wurde, waren Kuraufenthalte nicht mehr allein der gehobenen Gesellschaft vorbehalten. „Es konnten plötzlich auch ganz einfache Leute eine Kur machen“, sagt Dirk Streitenfeld. Damals sei bereits eine Art „Gesundheitstourismus“ entstanden und damit das Bedürfnis, „eine fröhliche Botschaft nach Hause zu schicken“. Da das Briefeschreiben weniger populär war, kamen neben Ansichtskarten auch Humorpostkarten zum Einsatz, die massenhaft von zumeist kleinen Druckereien in ganz Europa produziert wurden.

960 Karten ausgewählt

Ein Kapitel des Buchs ist daher dem Thema „Kur und Figur“ gewidmet, ein weiteres „Reisen zum Meer und in die Berge“. Manche Karten wurden aus bestimmten „Schreibanlässen“ wie Weihnachten, Neujahr oder Ostern versendet, andere dienten der „Politik und Propaganda“. Außerdem sind die Karten Themen zugeordnet wie „Essen und Trinken“, „Flirt und Liebe“, „Spiel, Sport und Musik“ oder „Frivol und vulgär“. Gleich nach dem Vorwort geht es erst mal um „Männer“ und „Frauen“.

Mehr als 960 Karten aus der Streitenbergschen Sammlung haben es in das Buch geschafft, aus Deutschland, Europa und den USA. Die meisten stammen aus der Zeit zwischen 1900 und 1920, doch auch die folgenden Jahrzehnte bis in die 1960er Jahre sind vertreten. Einzelne Karten gibt es außerdem aus den 70ern und 80ern. Jüngere Postkarten sind nicht dabei, unter anderem aus urheberrechtlichen Gründen.

„Gruß vom Club der Harmlosen“, Deutschland 1899.

Um Kriterien für eine sinnvolle Aufbereitung ihrer Postkartensammlung aufzustellen, hat sich ein Arbeitskreis gegründet, dem sechs Leute angehören, darunter die Freiburger Linguistik-Professorin Helga Kotthoff, der Koblenzer Sprachwissenschaftler Hajo Diekmannshenke sowie Kunstdidaktik-Professor Dietrich Grünewald, der viel zu Comics und Karikaturen geforscht hat.

Chromolithographie, Schottland 1907.

Sie haben Textbeiträge beigesteuert über Geschichte und Entwicklung der Humorpostkarten, aber auch über unschöne Seiten des Genres. „In den 30er und 40er Jahren gab es in Deutschland sehr völkische Postkarten“, sagt Streitenfeld. „Diesen reaktionären Strömungen wollte ich keinen Raum geben.“ Auch antisemitische und rassistische Karten tauchen im Buch nur exemplarisch auf, „weil ich bestimmte Bereiche nicht bedienen wollte“. Schließlich sei es nicht darum gegangen, den „ganzen Kosmos der Gestaltung und des Geschmackes abzubilden“. An einem nämlich, sagt Streitenfeld, habe sich bis heute nichts geändert: „Die Zahl der Deppen nimmt nicht ab.“

Landestypischer Humor

Das Buch sei ein „gewachsenes Projekt“. Bis zu seiner Fertigstellung haben die Arbeiten zwei Jahre gedauert. „So was kann man sich eigentlich nur jenseits des aktiven Berufslebens erlauben“, sagt der 76-Jährige. Der studierte Grafiker hat früher hauptsächlich als Plakatgestalter gearbeitet, seit Jahren schon ist er Schöpfer komischer Kunst. Seine Gemälde spielen mit Motiven, Themen und vor allem mit Sprache, jedes Bild enthält eine Anspielung, eine Geschichte, einen Witz. Regina Streitenfeld, Jahrgang 1947, ist ebenfalls Künstlerin und war bis 2012 Lehrerin in Oberursel. Gemeinsam haben sie von 1992 bis 2014 in einer Galerie in ihrem Haus Werke internationaler Künstlerinnen und Künstler ausgestellt: Karikaturen, Comics, Cartoons, Komische Kunst. Etliche Größen des Genres waren da. Die Galerie Streitenfeld war einzigartig in der Region, wenn nicht gar in der ganzen Republik.

Die Karte, mit der 1976 alles anfing.

Nun haben die Streitenfelds ein einzigartiges Buch herausgegeben. Auch über den Humor in verschiedenen Ländern und Gegenden lässt sich daraus manches erfahren. „Tabuverletzungen und Grenzüberschreitungen sind typische Merkmale des französischen Humors, der dadurch oft sehr drastisch ausfällt.“ Der britische Witz lebe mehr „von der Andeutung und der Gedankenkette“, der alpenländische Humor zeichne sich als „sehr deftig“ aus, oft gehe es ums Essen und Trinken, Furzen, Fäkalien und sonstige „derbe Lebensäußerungen“. Einige besonders obszöne Karikaturen haben sie nicht aufgenommen, „weil das verklemmte Menschen verschrecken könnte“, sagt Dirk Streitenfeld und lacht.

„Die Jungfrau“: Lithographie, Schweiz 1913.

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