Gänse auf einer Weide in Oberursel.
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Gänse auf einer Weide in Oberursel.

Taunus

Festtagsbraten online direkt ins Haus

  • vonJürgen Streicher
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Die „Gans To Go“ boomt in vielen Restaurants. Freilandtiere sind trotz der Corona-Pandemie meist bereits ausverkauft.

Noch schnattern sie fröhlich vor sich hin auf der Gänseweide hinter der Christuskirche. Schlagen aufgeregt mit den Flügeln und rotten sich zusammen im gesicherten Pulk, wenn die Glocken zum Nachmittagskonzert ansetzen. Ihr Schicksal ist längst besiegelt, keine Gans wird die Wintersonnenwende überleben. Das ist Tradition auf dem Hof von Bauer Alfred Burkard in Oberursel. Am 21. Dezember sind die letzten Weihnachtsgänse dran, damit sie schön frisch auf den Tisch kommen. Trotz oder gerade wegen Corona-Pandemie ist die Gans auf dem Festtagstisch begehrt, das Geschäft läuft, ein Ritual fordert Tribut. Die Gans zu Martini und zu Weihnachten ist das Ritual. Gerade jetzt, in einer Zeit, in der Urlaube, Weihnachtsfeiern und Besuche wegfallen und die Gastronomie aus dem Verkehr gezogen ist.

Die Gans boomt, „die Leut sind wie verrückt“, sagt Alfred Burkard. Seit 40 Jahren hält er Gänse, so um die 240 hat er dieses Jahr seit Anfang Juni auf den Gartopf vorbereitet. Mit viel Auslauf auf dem weitläufigen Gelände, frischen Kräutern und Gräsern als Nahrung, dazu Getreide und Brot, natürlich ohne Antibiotika. Er ist wie sein Kollege Hans-Dieter Kuchta mit seinen 150 Gänsen in Burgholzhausen froh, von Vogelgrippe verschont zu sein. Die beiden Landmänner in ihren Siebzigern sind die einzigen im Hochtaunuskreis, die noch Freilandgänse anbieten. Schon vor dem Martinsfest wurden die Bestellbücher zugeklappt, „wir waren extrem früh ausverkauft“, heißt es bei Kuchtas. „Wir hätten auch 500 losgekriegt“, sagt Alfred Burkard. Ohne Werbetafeln am Straßenrand wie sonst. Es nimmt kein Ende mit den Anfragen, obwohl er schon vor Martini den Ausverkauf aller Gänse und Puten annonciert hat.

Gans To Go

Freilandgänse vom Direktvermarkter sind längst ausverkauft, das Internet bietet dagegen unerschöpflich „Gans viel Genuss“: Unter www.GaenseimTaunus.de werden alle Gänsebraten-Fans fündig. Selbst abgeholt oder gar geliefert vom „Gänse-Taxi“ aus Idstein, das macht kaum einen Unterschied im Preis. Ein Standard-Menü für vier Mitesser gibt’s ab etwa 110 Euro, die Bio-Variante ist ein wenig teurer. Soll eine Freilandgans, etwa aus Dithmarschen, gebraten ins Haus fliegen, dann ist schon mal der doppelte Preis fällig.

„Die Bestellbücher sind voller als normal“, heißt es allenthalben bei den Gänse-Direktvermarktern im Land. Online kann sie noch bestellt werden. In Wiesbaden dagegen sucht man freilaufende Gänse vergeblich, im Main-Taunus-Kreis auch. Nicht mal auf dem Johanneshof von Bauer Pauly in Hofheim hört man ihr Geschnatter, 200 Gänse haben sie da bisher alljährlich aufgepäppelt. Corona-Angst, „zu groß das Risiko, dass wir bei einem Fall den Hof komplett dicht machen müssen und auf den ganzen Gänsen sitzen bleiben“, sagt Sandra Pauly mit ein bisschen Wehmut ob der langen Tradition auf dem Johanneshof.

Unumstrittener Renner im Gänsejahr 2020 ist eindeutig die „Gans To Go“. Als „Gans online“ oder eben von örtlichen Gastronomen mit Selbstabholung oder Lieferservice. Auch hier gilt wegen der Nachfrage in der gesamten Gastronomie die Devise „Nur auf Vorbestellung“.

Den Restaurants rettet die Lust auf Gans wenigstens einen Teil des verlorenen Umsatzes aufgrund des Lockdowns. Heinz Wentzel vom Traditionsgasthaus „Zum Schwanen“ in Oberursel schätzt ihn auf etwa 30 Prozent. Die ganze Gans um die viereinhalb Kilo kommt für rund 120 Euro schön gegart ins Haus, mit Beilagen und meist tischfertig, vier Personen haben daran gut zu essen. Wo und wie die Gänse ihr kurzes Leben vor dem Gartopf im Gasthof verbracht haben, wird wenig nachgefragt. Polen und Ungarn gelten als Hauptlieferanten für die Gans, die nach ihrem Ableben noch einen Umweg über die Gefriertruhe macht.

Beim Direktvermarkter weiß der Kunde, was er im Topf oder in der Pfanne hat. Deshalb schlachten Alfred Burkard und Hans-Dieter Kuchta selbst, einmal die Woche ist Schlachttag, damit die Gans zum Bestelltermin immer frisch ist und keinen Umweg gehen muss. Zwischen 13 und 15 Euro pro Kilo geht die Freilandgans über den Tisch. Noch ist das Schnattern auf der Gänseweide hinter der Christuskirche laut. Von Woche zu Woche wird es leiser und leichter für Alfred Burkard, die muntere Schar abends in den Stall zu geleiten, damit nicht der Fuchs sie holt und den Bestellplan durcheinander wirft.

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