Das Team von der Krebsmühle: Karl Bergmann, Susan Cali, Ulrike Böhme und Mark Wegner.

Oberursel

Oberursel: Gegengesellschaft in der Mühle

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Die Krebsmühle an der Grenze zu Frankfurt steht seit 40 Jahren für ein anderes Wirtschaften - auch wenn nicht alle Hoffnungen Wirklichkeit geworden sind

Den Kapitalismus wollten sie aushebeln, zumindest aber verändern. Vor 40 Jahren haben Karl Bergmann und andere Mitglieder der Frankfurter Arbeiterselbsthilfe die Oberurseler Krebsmühle übernommen und in eine Miniatur-Gegengesellschaft verwandelt. Ziel sei ein „Modell für eine andere Form von Zusammenleben und -arbeiten“ gewesen, erinnert sich der 70-Jährige.

Ganz ist das leider nicht aufgegangen. Die Arbeiterselbsthilfe gibt es nicht mehr und auch keine Gemeinschaftskasse, aus der sich jeder nach Bedürfnis bedienen kann. Außerdem mussten die Initiatoren erkennen, dass mit dem Kostendeckungsprinzip die nötigen Investitionen in die maroden Gebäude nicht zu stemmen waren. Der Kapitalismus erwies sich als zäher.

Trotzdem: „Es hat unheimlich viel geklappt“, sagt Heinz Hoffmann. Er ist stellvertretender Vorsitzender des Vereins Hilfe zur Selbsthilfe, dem die Krebsmühle bis heute gehört. „Der Geist wurde weitergetragen“, sagt Hoffmann. „Es ist kein Zufall, was auf dem Gelände passiert.“ So haben die Unternehmen und Einrichtungen, die sich auf dem Krebsmühlen-Areal angesiedelten haben, alle einen sozialen, ökologischen, zumindest aber alternativen Touch – ob es um das Umweltlabor Arguk, einen E-Bike-Händler, das Restaurant „Linse“ oder die Zeitschrift „Publik-Forum“ geht.

Die gesamten Räume seien vermietet, betont Hoffmann. Mehr als 100 Arbeitsplätze gebe es derzeit in der Krebsmühle und ihren Anbauten. Außerdem wohnen 43 Menschen auf dem Gelände, darunter Geflüchtete.

Herzstück ist die Möbelwerkstatt, die aus dem Umzugs- und Entrümpelungsservice der Anfangszeiten hervorgegangen ist. Aber auch sie hat einen Wandel hinter sich. Stand lange die Restaurierung im Mittelpunkt, kann man sich seit einigen Jahren auch neue Möbel nach Maß anfertigen lassen. Das Geschäft brummt. „Wir kommen gar nicht hinterher“, sagt Geschäftsführer Mark Wegner. Das Team besteht inzwischen aus elf Mitarbeitern, darunter acht Schreiner. Zum Schnäppchenpreis kann man in der Krebsmühle allerdings nicht einkaufen. Im Angebot sind handgefertigte hochwertige Tische und Schränke. „Jedes Stück ist ein Unikat“, betont Mark Wegner.

Der Verein stehe heute „absolut solide“ da, versichert Karl Bergmann. So gut, dass er nicht nur die Kredite abbezahlen kann, die er im Laufe der Jahre für Investitionen in die Gebäude aufnehmen musste, sondern auch 50 000 Euro im Jahr für soziale Projekte an die Basa-Stiftung abführen kann. Immerhin habe man es bis 1991 geschafft, ohne ein Bankdarlehen auszukommen.

Große Veränderungen sind vorerst nicht geplant. Schon gar kein Verkauf der Krebsmühle. Obwohl es im Laufe der Jahre zahlreiche Angebote gegeben habe, wie Karl Bergmann berichtet.

Dass die Krebsmühle im Eigentum des Vereins bleibe, sei entscheidend, sagt Ulrike Böhme, die nicht nur Vereinsmitglied ist, sondern sich auch im Oberurseler Rathaus um die Wirtschaftsförderung kümmert. So sei man bei Entscheidungen nicht von einem fremden Träger oder gar einem Immobilienmagnaten abhängig.

Die Krebsmühle solle weiterhin „Geburtsstätte für originelle Ideen und kreative Ansätze“ bleiben, wünscht sich Böhme – und das möchte sie sogar noch ein wenig forcieren. Deswegen wird es am Dienstag, 10. September, erstmals einen Gründerdialog auf dem Mühlengelände geben. Dabei wird unter anderen Julius Schießer aus Friedrichsdorf über sein Crowdfunding-Projekt für den ersten Unverpackt-Laden im Taunus informieren.

Die Teilnahme ist kostenfrei, eine Anmeldung aber nötig: www.oberursel.de/gruenderdialog.

Das Fest

Beim Herbstfest der Krebsmühle am morgigen Sonntag, 1. September, geht es auch um das 40-jährige Bestehen des Trägervereins „Hilfe zur Selbsthilfe“. Wer möchte, kann im Mühleninsel-Foyer eine Ausstellung dazu besichtigen. Um 14, 15 und 16 Uhr gibt es Erläuterungen mit einem Rundgang. Außerdem werden ab 14 Uhr in einem Nebenraum des Restaurants Filme aus der Anfangszeit gezeigt.

Das Fest auf dem Mühlengelände, Krebsmühle 1, beginnt um 9.45 und endet gegen 18 Uhr. Weitere Infos: www.krebsmuehle.de.

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