Marcus Demuth (vorne) und seine „The Takanaka Club Band“ warten auf Auftritte.
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Marcus Demuth (vorne) und seine „The Takanaka Club Band“ warten auf Auftritte.

Oberursel

Oberursel: Bewerbungen statt Konzerte

  • Fabian Böker
    vonFabian Böker
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Der Berufsmusiker Marcus Demuth aus Oberursel leidet unter der Corona-Krise – vor allem finanziell. Denn ihm fehlen die Einnahmen aus rund 40 fest eingeplanten Auftritten.

Marcus Demuth war kürzlich bei einem Vorstellungsgespräch. Das ist an sich nichts Ungewöhnliches. Für einen Berufsmusiker wie ihn aber schon. Denn normalerweise würde er aktuell proben für zahlreiche Auftritte auf großen Veranstaltungen und Festivals, würde zwischendurch im Tonstudio Jingles aufnehmen und für seine Band das Booking machen. Doch Corona verhindert das, sorgt für ein, wie er es nennt, „Berufsverbot“. Marcus Demuth weiß nicht, wie lange er das durchhält.

Musik ist nicht nur Demuths Beruf, sie ist seine Leidenschaft. Der gebürtige Frankfurter hat zwar Sozialarbeit und Ozeanografie studiert, aber dann schnell angefangen, mit dem Schlagzeugspielen Geld zu verdienen. Er spielte mit mehreren Coverbands in diversen Frankfurter Clubs, 1998 ging er dann nach New York. Dort lebte er zunächst zwei Jahre in einem fensterlosen Hinterzimmer eines Schlagzeuggeschäfts, später – unter anderem dank eines festen Engagements bei der „Blue Man Group“ – konnte er sich ein Apartment in Brooklyn leisten, als Nachbar von Sängerin Norah Jones.

Doch das sind derzeit alles nur schöne Erinnerungen. Denn die Gegenwart sieht düster aus für Demuth, der nach rund 20 Jahren New York 2017 wieder ins Rhein-Main-Gebiet zurückkehrte, diesmal nach Oberursel. „Rund 40 fest eingeplante Auftritte in diesem Sommer fallen aus“, sagt er. Darunter das Laternenfest in Bad Homburg, das Brunnenfest in Oberursel, das Mainuferfest in Frankfurt. Auf letzterem wäre seine Band „The Takanaka Club“ am Samstagabend auf der Hauptbühne aufgetreten, genau wie auf dem Ruderfest.

Absagen „sind existenzbedrohend“

All diese Absagen „sind existenzbedrohend“, so Demuth. Nicht nur für ihn und seine Bandkollegen, „sondern für die gesamte Branche“. In der Sommersaison mit all ihren Großveranstaltungen und Festivals werden normalerweise die Einnahmen generiert, die die Berufsmusiker dann auch über den Winter bringen. Bis zum 1. September, so Demuths Einschätzung, könne zumindest er überstehen, mit Erspartem. „Doch es weiß ja keiner, ob das Verbot von Großveranstaltungen wirklich nur bis zum 31. August gilt“, sagt er. Immer wieder geistere auch eine Zahl von 18 Monaten oder der Herbst 2021 durch die Medien. „Das wäre dann definitiv das Ende vieler Berufsmusiker.“ Denn auch andere Einnahmequellen fallen derzeit weg. In kommerziellen Tonstudios könnte er zwar theoretisch Sachen aufnehmen, „aber es gibt alleine in Frankfurt rund 300 professionelle Schlagzeuger, und die Aufträge in den Studios sind auch rar gesät“. Onlinekonzerte kommen für ihn nicht infrage, „Geld verdienen kann man damit ja auch nicht“.

Staatliche Unterstützung bekommt er nicht. Zwar hatten er und viele Branchenkollegen unter anderem nach einem Auftritt von Finanzminister Olaf Scholz in einer Fernsehsendung die Hoffnung auf Corona-Hilfen, denn damals war die Rede davon, dass dadurch der Lebensunterhalt von Soloselbstständigen gesichert werden solle. Doch davon ist beim Antrag auf Hilfe explizit keine Rede mehr. Stattdessen geht es um „laufende betriebliche Verpflichtungen wie beispielsweise Mieten, Kredite für Betriebsräume, Leasingraten“, was bei den meisten Musikprofis keine Rolle spielt. „Das geht an der Wirklichkeit unseres Lebensmodells vorbei“, so Marcus Demuth.

Und so bewirbt er sich um Stellen in seinem einst studierten Beruf des Sozialarbeiters. Oder geht zum Vorstellungsgespräch. Als Spülkraft in einer Klinik. Doch die sagte ihm ab.

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