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Bücker-Hüterin Ursula Krieger-Kunz inmitten ihrer motorisierten Raritäten.

Oberursel

Ausstellung zu Motorrad-Kultur

  • Olaf Velte
    vonOlaf Velte
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In einer Schreinerei in Oberursel gibt es Raritäten des Motorradherstellers Bücker zu sehen. Dokumente und Fotos geben zudem einen Einblick in die Geschichte des lokalen Unternehmens.

Auf der Ilona 2 haben die Oberurseler Polizisten in ihrem Revier für Recht und Ordnung gesorgt. Mit oder ohne Seitenwagen, je nach Erfordernissen. Mehr als sechs Jahrzehnte ist das nun her – doch der Zweitakter präsentiert sich noch immer in angriffslustiger Frische. „Mein Vater hat das Exemplar zurückgekauft und restauriert“, sagt Ursula Krieger-Kunz, die Bewahrerin eines Schatzes von technikhistorischer Dimension.

Was sich seit 15 Jahren neben all den wohnlichen Ausstattungsstücken im Massiv-Möbel-Studio der Schreinerei Kunz befindet, besitzt weltweite Einzigartigkeit, ist Ausdruck famoser Handwerkskunst. Mittendrin im Möbelhaus stehen, hängen und schweben 14 Motorräder des lokalen Herstellers Bücker, eine fast lückenlose Firmengeschichte bietend – flankiert von Fotodokumenten und Werbematerialien, Preislisten und Pokalen. Bis in unsere Tage ist der Ruf von „Fahrzeugbau Franz Bücker“ ein sagenumwobener.

Die in der Weilstraße dargebotenen Zweiräder sind einst Teil der „Rosso Bianco Collection“, bevor das Aschaffenburger Museum geschlossen werden muss. Die Leihgaben kehren schließlich zurück an den Ort des Ursprungs, sollen jedoch nicht in Garagen und Hinterhöfen verschwinden. „Wir haben sie kurzerhand hier integriert“, so Ursula Krieger-Kunz, Enkelin von Franz Bücker und Tochter seines Nachfolgers Heinrich Walz. Die informativen Texttafeln zu den verschiedenen Modellen sind ihr Werk, basierend auf gut gehüteten Betriebsunterlagen und eigenen Erinnerungen.

Das Werksteam fuhr im Gelände und auf der Langstrecke in den 1950er Jahren Sieg um Sieg ein.

Um die beispiellose Leidenschaft für Motor, Hubraum und Pferdestärke zu erklären, genügt ein Blick ins Familienalbum. Der 1894 bei Osnabrück geborene Franz Bücker besucht in den Zwanzigern seinen in Oberursel verheirateten Bruder – um dort selbst auf seine Herzensdame zu treffen. Dem Schlossermeister ist es ein Leichtes, in den Betrieb seines Schwiegervaters Konstantin Raufenbarth – beheimatet in der Oberen Hainstraße – einzutreten, sich dort mit Hilfe seines Schwagers Karl endlich dem Bau motorisierter Zweiräder zu widmen. Schon vor Gründung der eigenen Firma konstruiert er 1922 ein „Kindermotorrad“ mit 1-Gang-Getriebe für sein Töchterchen Hildegard: in der Oberurseler Ausstellung das älteste Bücker-Exponat.

Für die Tochter ein Geschenk mit Folgen. „Meine Mutter“, so Krieger-Kunz, „hatte als einzige Frau im weiten Umkreis den Motorradführerschein, fuhr ganz selbstverständlich die 1000er mitsamt Gespann.“ Als junge Frau und „Schmiermaxe“ begleitet sie Onkel Karl Raufenbarth auf den Hockenheimring, wo ein Rennen absolviert werden soll. Glückliche Fügung: Der aus Oberhausen stammende Mechaniker Heinrich Walz ist ebenfalls vor Ort – ihr späterer Ehemann und ab 1950 Erbe der Bücker-Werkstatt. Es sind rasante Zeiten, in denen das Werksteam im Gelände und auf der Langstrecke Sieg um Sieg einfährt. Auf Pokalen und Porträtaufnahmen sind die Namen verewigt: Raufenbarth, Walz, Kompenhans, Fiedler.

Detail eines Bücker-Vorkriegsmodells. Hier noch mit dem alten Signet des Motorradherstellers.

„Bücker stand immer für Manufakturqualität – hochwertig, robust, formschön, nicht ganz billig.“ In der Ausstellung wird es begreiflich. Der Produktionsbogen spannt sich von der 1920er Frühzeit bis in die Nachkriegsära, umfasst Motorräder aller Gewichtsklassen, die späten Mopeds. Legende die verwendeten Einbaumotoren der Hersteller Columbus (aus Oberursel), JAP, ILO sowie Sachs.

Raritäten geben der Darbietung ihr Aha-Erlebnis: Als weltweit „einzig erhaltenes Exemplar“ strahlt das Villiers-Riemenmodell von 1925 mit Carbidscheinwerfer und Stecktank, während die Bücker T5 mit ihrem 500-Kubik-Columbus-Antrieb von Heinrich Walz noch 2001 zu einem Oldtimertreffen gesteuert wurde. Gebrauchsspuren sind hier Ehrenmale. „Von diesem T5-Modell ist nur noch ein weiteres bekannt“, so die Erbin. Ein Blick in die Preisliste von 1935 sei erlaubt: Die 500-Kubik-Reihe bewegt sich zwischen 990 und 1200 Reichsmark – hochgezogene Auspuffrohre und „Schwebe-Soziussattel“ sind gegen Aufpreis erhältlich.

Fans sind erfreut

Dass Möbelhaus nebst Motorradausstellung auf einem Teil des ehemaligen Werksgeländes angesiedelt ist, erfreut den Bücker-Fan. 1937 werden die neuen Produktionsgebäude an der Hohemarkstraße bezogen. Hier, wo sich vor Zeiten eine Kiesgrube befand, endet 1958 auch die Zweiradherrlichkeit. Repariert und verkauft werden fortan Autos der Marken Goggomobil und Ford. „Die Wirtschaftswunder-Deutschen“, so Ursula Krieger-Kunz, „wollten lieber auf vier Rädern und mit Verdeck überm Kopf unterwegs sein.“

Längst sind die steinernen Zeugnisse des Fahrzeugbauers Bücker aus dem Oberurseler Stadtbild getilgt, hat sich das Wissen um Schwingenfahrwerk, horizontale Federung und innen liegende Ölpumpe in private Werkstätten und Sammlerhaushalte zurückgezogen. In der Weilstraße jedoch, umgeben von Sitzwürfeln, Drehsesseln und Kanapees, leuchtet die „Bücker-Pflaume“ so hell wie eh und je.

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