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Die schlafenden Häuser

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Von: Olaf Velte

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Stapelweise historische Gebäude im Hessenpark.
Stapelweise historische Gebäude im Hessenpark. © Rolf Oeser

Im Hessenpark werden nur noch ausgewählte Gebäude wiederaufgebaut - Jedes Gebäude wird als Einzelfall behandelt, bei einer „Entsammlung“ kommen Richtlinien des Internationalen Museumsbundes zum Tragen.

Wir sind gerade dabei, unsere eigene Geschichte aufzuarbeiten“, sagt Jens Scheller, Direktor des Hessenparks. Eine Selbstvergewisserung aus Notwendigkeit. Nicht, weil 2014 das Freilichtmuseum seit vier Jahrzehnten besteht – ganz praktische Erwägungen treiben die Wissenschaftler seit geraumer Zeit zur Recherche. Auslöser sind die an Wegen und auf Freiflächen aufgeschichteten Balkenstapel.

113 „schlafende Gebäude“ lagern in dem weiträumigen Park. Haus- und Funktionsbauten, die nach den Plänen der Gründerväter allesamt wiederaufgebaut werden sollten. Die damalige Willensbekundung wird sich jedoch nicht umsetzen lassen. „Wir können nicht mehr alle aufbauen“, sagt der Museumsleiter und verkündet damit eine Entscheidung, die lange zur Diskussion stand und von den Gremien getragen wird. Eines dieser Bauwerke hat den Taunus bereits verlassen: Das Nebengebäude, früher in Frielendorf beheimatet, wird derzeit in Marburg wiedererrichtet und soll als Lernobjekt für historischen Fachwerkbau dienen.

Diese Abgabe ist kein Signal für eine große Räumungsaktion. Jedes Gebäude wird als Einzelfall behandelt, bei einer „Entsammlung“ kommen Richtlinien des Internationalen Museumsbundes zum Tragen. Komplizierte Verfahren, die einem verantwortlichen Umgang mit dem geschichts-trächtigen Gut geschuldet sind.

Im Hessenpark sollen auch weiterhin Richtfeste gefeiert werden. Realistisch, so Scheller, sei aber der Aufbau von höchstens zwei Häusern pro Jahr. Mehr gebe die finanzielle Lage nicht her, zudem binde die laufende Sanierung bestehender Bauten einen Großteil der Mittel. Der Museumsleiter verhehlt auch nicht, dass bei diversen „Schläfern“ auf eine Wiedererweckung bewusst verzichtet wird: Gebäude, deren hölzerne Substanz weitgehend zerstört ist. Oder solche, deren Historie nicht mehr rekonstruiert werden kann.

„Wenn die Dokumentation fehlt, ist der museale Wert sehr eingeschränkt.“ Durch die „Verlagerungsnotwendigkeiten“ in der Baugruppe Nordhessen mussten zuletzt einige Stapel weichen. Bevor sie in dem neuen „Hauslager“ am nördlichen Park-Rand ihren Platz finden, werden sie ausgelegt, geprüft und bewertet. Eine Verlagerung kostet zwischen 8000 und 12 000 Euro.

Die Rekonstruktion der alten Häuser ist auch ein Blick in die Anfangsjahre des Museums. Eine Epoche, in der hessenweit Straßen verbreitert und Dorfkerne verändert wurden. Historische Bauwerke störten vielerorts. Das Land Hessen plante den Landespark auch vor diesem Hintergrund. „Nur die Gründung eines Freilichtmuseums kann die Rettung für die bereits abgebauten und künftig anfallenden Baudenkmale bedeuten“, schrieb Landeskonservator Kiesow damals. So kamen in schneller Folge mehr als 200 Gebäude nach Anspach – wenige mit originaler Einrichtung, viele als eichene Skelette. Von gezielter Auswahl konnte keine Rede sein.

Ein Reichtum ländlicher Kultur, eine Altlast auch. Was in jenen Tagen ins Museum gelangte, wird die Fachleute noch lange beschäftigen.

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