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Nagelbombe nur ein „Böller“

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Von: Stefan Behr

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Halil Ibrahim D. (r.) verdeckt sein Gesicht. Neben ihm seine Verteidiger Ali Aydin (m.) und Andreas Bensch.
Halil Ibrahim D. (r.) verdeckt sein Gesicht. Neben ihm seine Verteidiger Ali Aydin (m.) und Andreas Bensch. © dpa

Der Prozess gegen den Oberurseler Bombenbauer Halil D. steht vor dem Ende. Die Anklage fordert eine mehrjährige Haftstrafe, die Verteidigung hält eine Bewährungsstrafe für angemessen.

Auch wenn von der ursprünglich angeklagten Vorbereitung eines Terroranschlags nichts mehr übrig geblieben ist: Die Staatsanwaltschaft hält den 36-jährigen Halil D. nach wie vor für einen hochgefährlichen Mann. Und fordert im Plädoyer im Prozess gegen den Mann, wegen dem das Radrennen am 1. Mai vergangenen Jahres abgesagt wurde, eine Freiheitsstrafe von zwei Jahren und neun Monaten – wegen Verstößen gegen das Waffen- und Sprengstoffgesetz sowie Urkundenfälschung.

Für ihre Einschätzung nennt die Staatsanwaltschaft in ihrem Plädoyer Gründe. Halil D. hatte eine Rohrbombe im Keller. Er hatte ein einem Baumarkt drei Liter Wasserstoffperoxid gekauft – unter Angabe falscher Personalien und eines falschen Verwendungszweckes (Teichreinigung). Er fuhr in den Vortagen des Radrennens – auch nachts – mit seinem Auto mehrfach die Rennstrecke ab. Er hat enge Kontakte zu Salafisten. Er ist kein ausgewiesener Freund des Rechtsstaates. Er hatte mehrere Propagandavideos der Terrororganisation „IS“ auf seinen PC heruntergeladen. Die Vorbereitung eines konkreten Anschlags aber könne ihm nicht nachgewiesen werden. Zudem hält die Staatsanwaltschaft Halil D. für voll schuldfähig.

Das ist wohl der einzige Punkt, in dem die Staatsanwaltschaft mit Halil D.s Verteidigung d’accord geht. Auch sie hält ihren Mandanten für schuldfähig – aber nicht schuldig. Halil D. sei ein netter, gesetzestreuer Geselle, der in seiner Freizeit gerne mit Salafisten abhänge, sich unverbindlich IS-Informationsvideos runterlade und auch schon mal Rennstrecken mit dem Auto abfahre, selbstverständlich im Rahmen der freiheitlich-demokratischen Grundordnung. Und er habe schlicht vergessen, dass er im Keller ja noch eine Rohrbombe liegen habe. Welche aus seiner Kasseler Schulzeit stamme und ursprünglich für die Sprengung von Zigarettenautomaten gedacht gewesen sei.

Bewährung soll reichen

In einem atemberaubenden intellektuellen Parforceritt nennt D.s Wahlverteidiger Ali Aydin auch einen Grund für die Nagelfüllung der Bombe, die nach Meinung von Staatsanwaltschaft und Experten ausschließlich der Verletzungsmaximierung diente: Das sei an Halil D.s Kasseler Schule eben so Usus gewesen – im Gegensatz zu den „Elite-Internaten, auf denen die Herren Staatsanwälte waren“. Zudem sei die Bombe eher ein Böller gewesen. „Nicht die Bombe war gefährlich, sondern das, was dort rausgeflogen wäre“ – ergo die Nägel, die bei einer Probesprengung des Landeskriminalamtes immerhin noch Metallwände in einem Radius von neun Metern durchschlagen hatten.

Seit 14 Monaten sitze sein Mandant nun wegen einer Lappalie, die eigentlich vors Amtsgericht gehört hätte, in Untersuchungshaft, moniert Aydin. Halil D. sei „vom Staat Unrecht zugefügt worden“ und „es muss eine Kompensierung geben“. Er plädiert auf eine Freiheitsstrafe von 14 Monaten auf Bewährung.

Sein letztes Wort nutzt der sonst eher schweigsame Angeklagte dafür, dem Gutachter, der ihm eine paranoide Schizophrenie attestiert hatte, selbst einen Dachschaden anzuhängen. Bereits zuvor hatten seine Anwälte angekündigt, der durch die Presseberichterstattung „stigmatisierte“ Halil D. werde nach dem Urteil in die Türkei auswandern und dort eventuell sein abgebrochenes Chemiestudium beenden, auch wenn er die Türkei keineswegs als das Gelobte Land erachte, denn „dort gibt es keinen Sozialstaat wie hier“.

Ein Urteil wird für Montag erwartet.

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