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Nacht-Kultur: Blick vom Schlossturm auf die Erlöserkirche.
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Nacht-Kultur: Blick vom Schlossturm auf die Erlöserkirche.

Bad Homburg

Nachts ist die Kunst bunt

  • VonJürgen Streicher
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Die Kulturnacht lockt trotz Regen und Wind nach Bad Homburg. Proppenvoll ist die Kirche beim Auftritt der Kabarettistin Andrea Bongers.

Da stehen sie nun und können nicht anders. Weil sie Pappkameraden sind, der Luther und der Papst. Stehen im kühlen Abendwind und später im Regen, von Kerzen beleuchtet, und sollen die Menschen ins Gespräch bringen. Über Gott und die Welt, über Kirche und Kultur, die in dieser „8. Kulturnacht“ gemeinsam ein buntes Leben feiern. „Kirche ist für die Menschen da“, sagt Pfarrer Werner Meuer einladend mit Rotweinglas in der Hand am Eingang zur frisch sanierten katholischen St.-Marien-Kirche. Drinnen spielt und singt ein Quartett ziemlich laut neues geistliches Liedgut.

Die Englische Kirche ist schon lange vom Gottesdienst befreit und zum Kulturtempel geworden. So voll wie am Samstagabend hätte manch Pfarrer sein Refugium gerne am Sonntag. Proppenvoll beim Auftritt der Kabarettistin Andrea Bongers, die im Schnelldurchlauf mit viel Hamburger Charme die Dramen analysiert, die eine moderne Frau zwischen 30 und 50 zu bewältigen hat, wenn sie familienpolitisch und sexuell auf der Höhe sein will. Für die Männer spricht Werner Brix, er lässt sie „Mit Vollgas zum Burnout“ rasen. Die Bude bebt, Kultur zum Nulltarif treibt die Menschen in die Stadt und in die heiligen Hallen der Kunst.

Da sieht man über den versammelten Kulturadel der Kurstadt hinaus auch mal neue Gesichter in den sonst teuren ersten Reihen. Stellt einer der drei „Aristokraten“ im lässigen roten Anzug fest, die erst vorgeben, über die „Homburger Kulturmeile“ flanieren zu wollen, dann aber das Kurhaus mit ihrer Mischung aus Show, Tanz und Akrobatik im Stil der Nouveau- Cirque-Bewegung aufmischen. Es ist überall ein Kommen und Gehen im lockeren Party-Modus. Alle Bühnen-Acts sind kurz und kurzweilig, damit der Kultur-Hunger mit möglichst vielen Happen an möglichst vielen Orten gestillt werden kann.

Eine Nacht, 17 Orte – das macht die Entscheidung schwer für den Kulturbeflissenen und zwingt zu Beschlüssen. Oder animiert zum Sichtreibenlassen im inneren Zirkel der geballten Kultur dieser Herbstnacht, die zu Fuß zu erreichen ist. Schade vielleicht für die Ableger in den Außenbezirken, aber dafür gibt es ja den Kultur-Shuttle-Bus, der alle 15 Minuten im Rundkurs auch die Satelliten der Kunst in den Stadtteilen und am Waldrand kostenlos anfährt. Die etwas stilleren Orte wie die Villa Wertheimber im Gustavsgarten, wo der Mensch auch selbst Hand anlegen kann beim Thema „Schrift und Sprache“ und die Kultur zum Teilhabe-Prozess über das Konsumieren hinaus wird.

Das „Gegenteil von Selfie“

Mitternacht ist nicht mehr weit, da wird auch in der Stadtbibliothek gespielt. Im goldenen Rahmen kann sich der Mensch inszenieren, das „Gegenteil von Selfie“, so der Arbeitstitel. Schon bald schmückt eine bunte Reihe frisch gedruckter Fotos die Ablagen, Bilder von meist fröhlich dreinblickenden Frauen, die tief in die Requisiten- und Hutkiste des Fotokünstlers gegriffen haben. Im Erdgeschoss spielt Uwe Oberg auf dem Klavier Jazz und improvisierte Musik zum Stummfilm-Klassiker „Das vollelektrische Haus“ mit Buster Keaton, als hätte nie ein anderer die Musik zu diesem wunderbaren 22-Minuten-Epos komponiert.

Was kann da noch kommen kurz vor dem Schlusspfiff zur Geisterstunde? Luther und der Papst sind schon abgeräumt, die „BuchWelten“ im Sinclair-Haus kann man noch bis Anfang Februar sehen … Da leuchtet er im Hintergrund, blau und weiß angestrahlt, das Wahrzeichen der Stadt, der Weiße Turm im Schlosshof. Dass er ob seiner Gestalt aus der Familie der Butterfasstürme stammt, erfährt man oben, wenn man die 186 Stufen (ohne Gewähr!) der gewendelten Treppe hinauf geschafft hat. Ein schönes wind- und regenumtostes Ende einer Kulturnacht in luftiger Höhe.

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