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Der mysteriöse Messer-Mann

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Ein angeblicher Überfall auf ein Wettbüro in Oberursel beschäftigt jetzt das Gericht. Angeklagt sind eine Angestellte und ihr Ehemann. Von Klaus Nissen

Von Klaus Nissen

Mehr als zwei Stunden lang sei sie in der Toilette gefangen gewesen. Zitternd erzählt die 32-jährige Wettbüro-Angestellte Malgorzata D. den Polizisten, die sie am 6. Januar 2009 befreien, ihre Geschichte: Sie sei allein in der Bet-and-Win-Filiale an der Oberurseler Liebfrauenstraße gewesen, als gegen zwölf Uhr mittags ein schwarz gekleideter, mit einem Schal vermummter Unbekannter eingetreten sei. Er habe ein Messer in der rechten Hand gehalten und Geld von ihr gefordert. Sie habe ihm in Todesangst alle Scheine aus der Handkasse und dem Tresor ausgehändigt: 4600 Euro - ungewöhnlich viel für einen Dienstag. Doch am Wochenende waren viele Spieler im Laden gewesen, und am Montag hatte Malgorzata D. den hohen Bargeldbestand nicht zur Abholung an die Zentrale gemeldet.

Der Dieb habe sie in die Toilette gesperrt, berichtete die Angestellte den Beamten. Die wurden von ihrem Ehemann alarmiert, der sich auf seiner Arbeitsstelle Sorgen gemacht habe, weil sie nicht ans Telefon ging. Ihr Handy habe sie nicht erreichen können; stundenlang habe sie vergeblich um Hilfe gerufen.

Den Beamten kam die Geschichte komisch vor. Da die Gegend recht belebt ist, hätten D.s Hilferufe gehört werden müssen. Zudem: "Die Dame ließ sich relativ schnell beruhigen", sagte einer der Polizisten als Zeuge vor dem Bad Homburger Amtsgericht. Nach nur zwei Minuten habe sie nicht mehr gezittert, sagte auch der hinzugerufene Kriminalbeamte aus. "Das fiel uns ins Auge."

Auf Nachfrage bei der Post in Offenbach stellt sich heraus, dass der dort als Paketfahrer eingesetzte Ehemann am Tattag gar nicht arbeitet. Die Polizisten fahren zur Offenbacher Wohnung der Familie D. Sie ist sehr ärmlich, heißt es später im Protokoll. Im Wäscheschrank findet man eine Geldkassette mit 3700 Euro. "Das kann kein Spargeld sein", argwöhnt Amtsrichterin Doris Kurschat. Wer in so einer einfachen Wohnung lebe, könne kein Geld übrig haben - zumal der 47-jährige Paketfahrer nach Angaben eines Zeugen spielsüchtig sei.

So kommt es, dass Herr und Frau D. an diesem Wintermorgen als Angeklagte vor der Richterin sitzen. Sie behaupten unbeirrt, unschuldig zu sein. Ein Fremder habe das Wettbüro überfallen. Die Richterin muss einen Indizienprozess führen - was am Amtsgericht recht selten ist. Das Urteil soll am 25. Februar gesprochen werden.

Für das angeklagte Paar ist die Lage so oder so unerfreulich. Der Ehemann hat seinen Job bei der Post verloren und ernährt die Familie jetzt mit 780 Euro Arbeitslosengeld. Malgorzata D. ist ebenfalls gefeuert worden. Sie kümmert sich nun daheim um ihre beiden kleinen Kinder.

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