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Brigitte Buchsein ist seit Geburt blind.
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Brigitte Buchsein ist seit Geburt blind.

Oberursel

Mitten im Leben

Brigitte Buchsein aus Oberursel setzt sich trotz ihrer Behinderung für andere ein.

Von Jürgen Streicher

Gesichter würde sie gerne angucken. Vor allem ihr eigenes im Spiegel. Die roten Locken mal sehen. Und Pflanzen in ihrer Lieblingsfarbe Grün. Vorstellung mit Wirklichkeit vergleichen, das innere Bild mit dem Außen, das sie nicht sehen kann. Brigitte Buchsein ist von Geburt an blind. Gerne hakt sie sich bei Freunden oder Bekannten unter, ihren Weg durch die Welt findet sie recht flott aber auch allein. Mit Stock und anderen Hilfsmitteln.

Im Treppenhaus der Alte Leipziger Lebensversicherung in Oberursel kann sie sich auf sechs kleine Punkte verlassen. Für sie eine Orientierung im Dunkeln, denn Brigitte Buchsein sieht und liest mit ihren Fingern. Die meisten Kollegen übersehen die Punkte am Treppengeländer, die zierliche Frau fühlt sie und weiß, wo sie sich befindet. Die extra für sie angebrachten Braille-Beschriftungen weisen ihr den Weg vom Erdgeschoss zu ihrem Büro im zweiten Stockwerk. Dann muss sie nur noch durch die Glastür, ein paar Schritte weiter links abbiegen und ist am Ziel. „Ich muss den Weg im Kopf haben, dann geht alles wunderbar“, sagt die Frau, die so gerne lacht und so viel Selbstbewusstsein und Lebensfreude ausstrahlt.

Buchsein ist Wirtschaftsingenieurin. IT-Spezialistin, die bei der Alten Leipziger (AL) in der Anwendungsentwicklung arbeitet. Eine Vollzeitstelle hatte sie von Anfang an, seit 1998 ist die heute 46-Jährige bei der AL. „Bloß kein Einzelzimmer, die ganz spezielle Lösung für mich wollte ich nie“, sagt sie lächelnd. Die Unterstützung der Personalabteilung und die Unterstützung mit Hilfsmitteln aber nimmt sie gerne an. Buchsein ist integriert in die komplexe Arbeitswelt. Beim Umgang mit den Kollegen empfindet sie ein „gerade rechtes Maß aus Normalität und Rücksichtnahme.“

Mitten im Leben wollte die gebürtige Westfälin immer sein. Da ließ sie schon den Eltern damals in Hagen keine Chance, alles hat sie sich selbst erkämpft. Die Grundschuljahre verbrachte sie in einer Blindenschule, dann Einser-Abitur an einer Regelschule. An „irre motivierte Lehrer“ erinnert sie sich, „alles war perfekt, ich würde es wieder so machen“.

Die Beherrschung der Brailleschrift, der speziellen Schrift für blinde Menschen, war ihre „Schlüsselstelle“ und ihre Tür zur Welt. Das ganz normale Leben, Studium in Karlsruhe, Wohnen in einer WG. Und dann das Abenteuer: ein Jahr mit Stipendium in Amsterdam. Auch das ging plötzlich ganz leicht, eine wunderbare Erinnerung.

Buchsein hat durch ihre freundliche, offene Art immer schnell neue Kontakte geknüpft und gelernt, sich in fremden Umgebungen zurechtzufinden. Auf ihr Netzwerk von Freunden kann sie sich verlassen, wenn sie Hilfe braucht. Die Kirche ist ihr eine Stütze und sie der Kirche. Im Kirchenvorstand der evangelischen Auferstehungskirche in Oberursel kümmert sich Buchsein um die Organisation von Vorträgen, um Finanzen, Fundraising und die Öffentlichkeitsarbeit.

In der Blindenseelsorge hessenweit hilfte sie andere Betroffenen, denen sie Vorbild ist. Sie unterstützt die Menschen dabei, den schmerzhaften Trauerprozess nach Verlust des Augenlichts zu bewältigen, sie macht Mut und verhilft zu schönen Erlebnissen wie Studienreisen, bei deren Organisation sie mitwirkt.

Oberursel ist für Buchsein längst Heimat geworden. Auch die Stadt profitiert von ihr. Als Beraterin ist sie gerne gesehen und wird immer gefragt, wenn es um barrierefreie Gestaltung von öffentlichen Räumen geht.

Modernste Technik zunutze gemacht

Buchsein ist blind, kann aber fast alles, was die Team-Kollegen auf dem Bildschirm sehen, mit ihren Hilfsmitteln erfassen. Der Zuruf „Schau dir das bitte mal an“ ist gar nicht ungewöhnlich. Das macht sie mit einem Programm, das den Bildschirminhalt in Sprache und Braille umsetzt – eine an den PC angeschlossene Braillezeile, auf der sie den Text mit den Fingern liest. Mit ihrer speziellen Soft- und Hardware kann sie auch umfangreiche Excel-Dateien bearbeiten, in manchen Fällen ist sie sogar deutlich schneller als die sehenden Kollegen.

„Die neue Technik ist wunderbar für mich“, sagt Buchsein und meint damit auch Programme, die ihr Mails vorlesen und technische Entwicklungen wie E-Book-Reader oder ihr Handy mit sprechendem Navi, das ihr unterwegs gute Dienste leistet.

Ihren Optimismus und die Kraft, die sie aus ihrem erfolgreichen Berufsleben zieht, gibt Buchsein gerne weiter. Auch im Landesvorstand des hessischen Blinden- und Sehbehindertenbundes ist sie aktiv. Hilfe geben, Hilfe annehmen – Brigitte Buchsein kann beides. Auf dem Weg in die Kantine, beim Aussuchen des Gerichts und beim Tragen des Tabletts zum Tisch lässt sich die 46-Jährige gerne helfen. Es sind die vielen Kleinigkeiten, die blinde Menschen zum Teil der Gesellschaft werden lassen. Indem ihnen der Alltag leichter gemacht wird.

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