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St. Marien dreht den Spieß um

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Von: Stefan Höhle

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In der Pfarrei St. Marien werden künftig Ehrenamtliche mehr Arbeit übernehmen.
In der Pfarrei St. Marien werden künftig Ehrenamtliche mehr Arbeit übernehmen. © Michael Schick

Die Personalnot stößt in der katholischen Gemeinde neue Entwicklungen an. Erstmals im Hochtaunuskreis werden im seelsorgerischen Dienst Haupt- und Ehrenamtliche arbeiten.

"Heute lebe ich allein im Haus“, sagt Werner Meuer, Pfarrer der katholischen St.-Marien-Kirche in der Bad Homburger Dorotheenstraße. Als er vor 13 Jahren hier anfing, habe er zusammen mit einem Priester und einem Kaplan gewohnt. Dem Bistum Limburg, zu dem die Großpfarrei St. Marien gehört, fehlt Personal. Erstmals im Hochtaunuskreis werden daher im seelsorgerischen Dienst ab sofort Haupt- und Ehrenamtliche arbeiten.

„Die Fakten haben sich geändert“, erklärt Meuer. Die Gemeinde St. Marien verteilt sich derzeit auf sechs Kirchorte in Bad Homburg und Friedrichsdorf. Dass an den Standorten neben Hauptamtlichen nun auch Ehrenamtliche in der Seelsorge arbeiten werden, ist zunächst einmal den Einbrüchen in den personellen Strukturen geschuldet. „Aber Veränderungen sind auch konzeptionell nötig“, sagt Meuer. „Wie immer eigentlich. Wenn wir uns nicht erneuerten, würden wir uns zurückbewegen“, stellt der 59-Jährige fest.

St. Marien, auch das ist ein Ergebnis der Pfarrgemeinderatssitzung vom vergangenen Montag, will einen stärkeren Beitrag für die Stadtgesellschaft erbringen und dabei „politische Verantwortung übernehmen“. Dazu zählt nicht nur die Flüchtlingsarbeit. Auch zu anderen gesellschaftlichen Entwicklungen soll Position bezogen werden. „Angesichts rechtspopulistischer Propaganda darf Kirche nicht still sein“, sagt Pfarrer Meuer.

„Es beginnt eine Phase des Experiments“

Von den „neuen Prozessen“, so heißt es jetzt in einem Gemeindepapier, sind auch Bereiche wie Gottesdienst, Liturgie oder Kommunion betroffen. Mitarbeiten werden ehrenamtliche Katecheten und Katechetinnen. All diese Themen will St. Marien in den kommenden Monaten mit den Gemeindemitgliedern diskutieren und realisieren.

Klaus Klepper, pensioniert, aber noch immer Pfarrer in St. Bonifatius, Friedrichsdorf, konstatiert gleichwohl: „Wir wissen, dass bei diesem Prozess mancher auf der Strecke bleiben wird.“ Sich also bisher aktive Gemeindemitglieder zurückziehen werden. Meuer ergänzt: „Es beginnt eine Phase des Experiments.“

St. Marien hat jetzt einen Bundesfreiwilligen. Zivis gibt es nicht mehr. Der neue Bundesfreiwillige ist mit 62 auch deutlich älter als ein Zivildienstleistender. Der Arzt Rainer Stiehl legt sich für die Gemeinde bei der Flüchtlingsarbeit ins Zeug. „Dass viel zu tun ist, wusste ich“, sagt Stiehl. Überrascht hätten ihn die Animositäten unter den Freiwilligen. Ob sie für die Kirche unterwegs sind, die Stadt, das Land oder für andere Organisationen – jeder fühle sich auf seinem Posten alleingelassen. Stiehls Einsatz wird im April des kommenden Jahres enden.

Anfang des Jahrtausends arbeiteten in St. Marien 17 Hauptamtliche. Sie sind beim Bistum angestellt, das freie Stellen derzeit nicht besetzen kann, obwohl Geld dafür vorhanden ist. Einen Vertrag mit Limburg haben momentan nur noch zehn „Profis“ für die 15 500 Katholiken in Bad Homburg und Friedrichsdorf. Meuer sieht die Entwicklung unterm Strich aber positiv. „Weil unsere Gemeindemitglieder die Veränderungen nicht über sich ergehen lassen sollen. Sie werden sie mitgestalten.“

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