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Der Mann vom Klärwerk

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Michael Kratz ist Elektrotechniker am Klärwerk Ober-Eschbach.
Michael Kratz ist Elektrotechniker am Klärwerk Ober-Eschbach. © FR/Oeser

Michael Kratz arbeitet seit fast zwei Jahren an der Kläranlage in Ober-Eschbach. Der FR schildert er einen seiner Arbeitstage.

Es ist 6.30 Uhr, ich schaue in den Spiegel. Wie jeden Morgen sehe ich einen Mann mit gutem Gewissen. Ich bin ein zufriedener Mensch, denn meine Arbeit hilft etwa 54 000 Menschen. Deshalb hält mich auch mein Husten nicht ab, zur Arbeit zu gehen. Da müsste ich schon Fieber haben.

Den Geruch auf der Kläranlage nehme ich schon lange nicht mehr wahr. Die erste Woche bekam ich wegen der feinen Tröpfchen in der Luft noch Magenbeschwerden, aber das hat sich schnell gelegt. Wegen der Arbeitsbedingungen stimmt die Bezahlung, mit circa 2500 Brutto im Monat bin ich zufrieden.

Mein erster Blick gilt dem Prozess-Leitsystem auf dem PC: Wir haben einen Zufluss von 350 Kubikmeter pro Stunde, das ist wenig. Zwei rote Punkte blinken, das bedeutet Ärger. Zwei Pumpen gehen nicht, wahrscheinlich haben sie Dreck gezogen. Wenn zu wenig Wasser fließt, passiert das leichter. "Machst du nachher die Proben?" fragt Matthias Sittner, Labortechniker. Ich bin sein Vertreter, zurzeit sind viele krank, also helfen wir uns gegenseitig. Ich soll für ihn die Nitrat-, Nitrit- und Ammoniumwerte im gereinigten Wasser messen, denn wenn sie eine festgelegte Grenze überschreiten, müssen wir das sofort ans Regierungspräsidium weiterleiten.

Darum kümmere ich mich später, jetzt mache ich erstmal meinen Kontrollgang. Unsere Kläranlage ist eigentlich eine riesige Biogasanlage: Das Abwasser, also Fäkalien, Abwasser oder Feststoffe von circa 54 000 Einwohnern aus Bad Homburg und Oberursel-Oberstedten, wird zunächst in Rechen vom gröbsten Schmutz befreit. In den Sandfängen und im Vorklärbecken setzt sich noch mehr Schmutz ab, denn wir führen mit Gebläsen Luft zu. Würde dort jemand hineinfallen, würde er ertrinken. Unsere fleißigsten Helfer sind die Bakterien. Sie fressen während der biologischen Reinigung Ammonium, Nitrit und Nitrat. Der Schlamm wird in die Faultürme gepumpt und gelangt von dort entweder in die Verbrennung oder wird als Methangas wieder verwendet: im Blockheizkraftwerk zur Strom- und Wärmeerzeugung. Wenn das Wasser am Ende des Kreislaufs wieder zurück in den Fluss fließt, enthält es nur noch Kolibakterien. Wenn es mehr als 20 Minuten heftig regnet, können die Regenüberlaufbecken das Abwasser nicht mehr fassen und laufen über. Dann gelangen auch Fäkalien in den Fluss.

Ergebnis meiner Kontrolle: Ein Rohr in der Halle ist kaputt, aber das muss warten. Manchmal sind wir hier einfach zu wenig Leute. "Ich rauche und du hustest", scherzt Kollege Axel Gurthardt, Vorarbeiter auf der Anlage, der gerade eine Pause macht. "Bin froh, dass ich aufgehört hab", entgegne ich. Er lacht, wir verstehen uns. Mit Kollegen wie ihm würde es mir schon Spaß machen, auch mal im Team zu arbeiten, aber der größte Teil der Arbeit muss hier allein erledigt werden. Dafür bin ich mein eigener Chef, kann mir die Arbeit überwiegend selbst einteilen. Wenn ich eine Pumpe repariert habe, dann fühle ich mich gut, denn ich weiß, das ich etwas geschafft habe. Ich bin einer, der gern zupackt.

(Aufgezeichnet von Desirée Brenner)

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