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Letzte Ruhe für Minki und Stupsi

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Von: Olaf Velte

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Alter Streuner: Das Grab von Minki hat einen Stein.
Alter Streuner: Das Grab von Minki hat einen Stein. © Renate Hoyer

Der Tierfriedhof in Bad Homburg zeugt von grenzenloser Tierliebe. Der Trend beim Vierbeiner geht zum Urnenbegräbnis.

Trauerreden werden hier nicht gehalten, auch musikalische Darbietungen sind keine Option. Wenn die geliebten Toten in die Erde gesenkt werden, spricht im Gonzenheimer Feld nur noch das Unvermeidliche. Manchmal lässt sich ein Vogel in den Baumkronen hören, immer aber rauscht der nie endende Verkehr von der nahen Autobahn her. Kein Zweifel: Bestattungen auf dem Bad Homburger Tierfriedhof laufen nach besonderen Regeln ab.

Über deren Einhaltung wacht ein Verein, der im Jahr 2009 ins Leben gerufen wurde und mittlerweile 140 Mitglieder zählt. „Keine Särge, keine Kreuze“, sagt der Vorsitzende Peter Wahl, der jeden Tag auf dem 1200 Quadratmeter großen und mit altem Baumbestand bestückten Gelände anzutreffen ist.

Nur in eine Decke gehüllt, sollen die verstorbenen Katzen, Hunde, Kaninchen, Goldhamster, Wellensittiche in etwa 70 Zentimetern Tiefe zur letzten Ruhe gebettet werden. Der Trend geht jedoch zur Einäscherung: Ein neues Urnenfeld ist seit kurzem freigegeben. Einmal bezahlt, gilt eine zehnjährige Liegezeit. „Aktuell“, so Wahl, „werden rund 350 Grabstellen genutzt.“

Und sind zu pflegen: Wenn Frauchen oder Herrchen ihre Pflicht vernachlässigen, kann die Stätte der Erinnerung eingeebnet werden. Nicht alle Plätze sind nach Ablauf des befristeten Jahrzehnts neu belegt worden – „wir haben hier noch etwa 100 Altgräber“. Darunter eines, das auf die Anfangszeit des Friedhofs hinweist und zu den ersten Zeugnissen hiesiger Tierbestattung gerechnet werden muss. Eine schmucklose Steinplatte – von Wurzelholz aufrecht gehalten – ist dem „lieben Buwichen“ gewidmet und wurde im Jahre 1938 gesetzt.

Umgeben von Ackerland und im Schutz einer Gehölzgruppe haben trauernde Homburger Bürger ihren treuen Vierbeinern schon kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges einen – zunächst illegalen – Totenhof bereitet. Was damals deutschlandweit eine Seltenheit war, findet sich mittlerweile rund um den Globus. Die Anfragen aus dem weiten Umland, so Vorsitzender Wahl, hätten stark zugenommen. Absagen seien wegen des begrenzten Platzes aber notwendig. „Unser Verein bevorzugt die regionale Trauergemeinde.“

Auf rund 5000 Euro taxiert der Vorsitzende die jährlichen Ausgaben zur Instandhaltung des Areals. Geld, das der Vereinskasse und dem Spendentopf entnommen wird.

Eigentümerin des hinter dem neuen Krankenhaus gelegenen Grundstücks ist die Kommune. Seit geraumer Zeit gehört auch ein Parkplatz zu dem Friedhof. „Der wurde zuletzt regelmäßig von Angestellten und Besuchern der Klinik vollgestellt.“ Aber seit Ende September sichert eine Absperrkette die begehrte Stellfläche.

Täglich kommen die Tierfreunde zur stillen Zwiesprache mit Dunja, Bonny, Stupsi oder Leo vom Wolfstall. Manche harken und wässern, legen Gestecke und richten den Grabschmuck. Was im Stillen bleibt, verraten die Inschriften. „Dank für Deine Treue“ heißt es mehr als einmal, auch Geheimnisvolles wie „Unser Fettisoft Numa“ findet Ausdruck.

Welch eine Bedeutung die am 19. Dezember 2000 verstorbene Mira für ihren Besitzer hatte, ist zu ahnen: „Der Hund blieb mir im Sturme treu, / der Mensch nicht mal im Winde.“

Ein Gang durch die Reihen offenbart die schier grenzenlose Liebe zum häuslichen Tier – auch wenn Namenstafeln verwittern und Marmorplatten einsinken. „Jedes Grab hat seine Geschichte“, sagt Wahl. Wie der Erdboden, in den sie gegraben wurden.

Bis ins 16. Jahrhundert lebten hier die Menschen des untergegangenen Dorfes Niederstedten, irgendwann im 19. Jahrhundert wurde das Gelände zum Standort einer Abdeckerei, zum Wasenplatz. Gerüchte besagen, dass man während des Ersten Weltkrieges dort auch Offizierspferde verscharrt habe.

Das berühmteste Homburger Reittier hat es jedenfalls nicht an jenen Ort geschafft, wo heute der Hölderlinpfad vorüberzieht. Unweit des Gotischen Hauses liegt Madjar im Ehrengrab: 1773 hat Landgraf Friedrich V. seinem Leibpferd die letzte Ehre erwiesen – ein gräflicher Vierzeiler bezeugt tiefe Verbundenheit.

„Amor et fortuna nostra“ gilt hingegen den Hunden Rex und Lord, die unter der Grabplatte Nummer 573 seit langem schon ruhen. Im letzten Tageslicht drehen sich die Windräder, flackern die Kerzen. Tramp ist tot, auch Minni, Socke und Mögenburg, die Geschwister Sweeny, Sunny, Smoky. Beschützt werden sie alle von einem vielfarbigen Figurenarsenal aus Ton, Blech und Kunststoff: Engel, Igel, Vögel, das obligatorische Herz.

Nein, nicht alleine der Schmerz des Abschieds bestimmt die örtliche Atmosphäre. Peter Wahl: „Es ist auch ein Platz zum Abschalten.“ Gerade jetzt, wenn das Jahr sich neigt und hundertfacher Grablampenschein das Gemüt zur Ruhe kommen lässt.

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