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Ursula Trautwein hat den 1974 verstorbenen Schindler persönlich gekannt.

Oberursel/Frankfurt

Die letzte lebende Zeitzeugin

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Ursula Trautwein erzählt Schülern von ihrer Freundschaft mit Oskar Schindler, der mehr als 1000 Juden vor dem Tod bewahrt hat.

Hallodri, Lebemann – aber auch Retter von mehr als 1000 Juden vor dem Tod im Konzentrationslager. Den echten Oskar Schindler habe Steven Spielberg in seinem berühmten Film „Schindlers Liste“ schon recht gut getroffen, sagte Ursula Trautwein. „Er war ein Mensch im vollen Sinne des Wortes.“

Ursula Trautwein dürfte die letzte noch lebende Zeitzeugin sein, die Oskar Schindler persönlich gekannt hat. Sie sehe es als Verpflichtung an, die Erinnerung an ihn aufrechtzuerhalten, sagte die 87-Jährige am Dienstag bei einem Besuch an der Hochtaunusschule in Oberursel. Und sie freute sich, dass immerhin die Hälfte der etwa 60 Oberstufenschülerinnen und - schüler den Spielberg-Film gesehen hatten – obwohl der auch schon 25 Jahre alt ist. „Schade, dass er das damals selbst nicht mehr erlebt hat“, sagte Ursula Trautwein. „Der Film hätte ihm gut gefallen.“

Als sie und ihr Mann Oskar Schindler in den 60er-Jahren kennenlernten, habe kaum jemand etwas von ihm und seiner Geschichte gewusst. Auch sie sei erstmals 1966 bei einem Besuch der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem auf seinen Namen gestoßen. Als sie erfuhren, wo Schindler wohnt, habe ihr Mann Dieter, der später evangelischer Propst in Frankfurt wurde, auf gut Glück an der entsprechenden Haustür geklingelt. „Von da an begann unsere Freundschaft.“

Oskar Schindler verbrachte seine letzten Lebensjahre mehr schlecht als recht in einem kleinen Appartement im Frankfurter Bahnhofsviertel (Adresse Am Hauptbahnhof 4, heute hängt dort eine Gedenktafel). Nach dem Krieg sei er „auf keinen grünen Zweig mehr gekommen“, schilderte Ursula Trautwein. Auch der Versuch, in Argentinien einen Neustart zu schaffen, scheiterte bald.

Was Schindler aber nicht davon abgehalten habe, großzügig zu sich und anderen zu sein. Nach gemeinsamen Abendessen, zu denen Oskar Schindler sie eingeladen hatte, habe jedoch am Ende häufig ihr Mann die Rechnung bezahlen müssen, erzählte Ursula Trautwein.

Ohne diese Schlawiner-Mentalität hätte er aber wohl kaum so viele Menschen vor dem Holocaust retten können, vermutet sie. „Er konnte Menschen gut einschätzen.“ Und so habe Oskar Schindler ein Gespür dafür entwickelt, welchen Nazibonzen er mit Schmuck für die Ehefrau bestechen konnte, um zum Ziel zu kommen – und wen er dazu unter den Tisch trinken musste.

Bei seinen Versuchen, möglichst viele Juden zu retten, sei häufig Alkohol im Spiel gewesen, sagte Ursula Trautwein. Um selbst nüchtern zu bleiben, habe er dabei immer ein Stück Brot unter die Zunge geklemmt. Dass er diesen Trick schließlich auch ihren Kindern verraten hat, habe sie allerdings weniger begeistert. Trotzdem: „Mit seiner Art hat Oskar Schindler Taten vollbracht, die sonst niemand geschafft hat“, betonte Trautwein. Schließlich sei es während der Nazizeit schon lebensgefährlich gewesen, einzelne Juden zu verstecken.

Noch kurz vor Ende des Krieges habe er es geschafft, seine Firma aus Polen in die Nähe seiner eigenen Heimat in Mähren umzusiedeln, als anderswo wegen der vorrückenden Sowjet-Armee schon die Konzentrationslager aufgelöst wurden und die Insassen auf Todesmärschen nach Westen getrieben wurden.

Eine richtige Erklärung, warum er dieses Risiko eingegangen ist, habe auch sie nicht, gestand Ursula Trautwein. Dabei sei Oskar Schindler sogar drei Mal wegen Korruption im Gefängnis gelandet, wenn auch immer wieder freigekommen. Wegen seiner Unterstützung für die verfolgten Juden habe ihn aber erstaunlicherweise nie jemand angeschwärzt. „Er war der richtige Mann zur richtigen Zeit“, zitierte Trautwein Moshe Bejski, einen der „Schindler-Juden“, der später Richter am Obersten Gerichtshof in Israel wurde.

Einmal im Jahr hätten die Geretteten Schindler für einen Monat nach Israel eingeladen, wo er auch begraben werden wollte. Darum hätten ihr Mann und die Kirche sich gekümmert, sagte Ursula Trautwein. Und so befindet sich Schindlers Grab seit 1974 auf einem Friedhof in Jerusalem nahe dem Ölberg.

Die Schüler zeigten sich von dem Bericht Trautweins beeindruckt. „Leider passieren ähnliche Dinge immer noch in der Welt“, bedauerte einer von ihnen. Den Kontakt zur Hochtaunusschule hatte Lehrerin Beate Denfeld hergestellt, die Ursula Trautwein aus der Gruppe „Christen in der SPD“ kennt.

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