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Hautnah an der Historie

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Von: Olaf Velte

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Günter Budelski nutzt das Wissen des Mittelalters.
Günter Budelski nutzt das Wissen des Mittelalters. © M. Schick (2)

Buchbinder Günter Budelski rettet Archivbestände vor dem Zerfall. Wer das Vergangene nicht kenne, könne die Gegenwart nicht begreifen, lautet sein Credo.

Das Klima ist konstant. 60 Prozent Luftfeuchtigkeit und 20 Grad Celsius – alles darüber schadet den Altertümern, die sich auf Regalbrettern und Tischen stapeln. Beethoven-Sonaten, alte Ausgaben der Zeitschrift „Gartenlaube“ und eine Sammlung von Kommersliedern sind darunter. Von den vielen Chroniken und Amtsschriften nicht zu reden. In Günter Budelskis Werkstatt wird restauriert, was auseinanderzufallen droht.

„Ich bewahre Informationen für künftige Generationen.“ So lapidar umreißt der Buchbinder sein diffiziles und kunstvolles Metier. Druckwerke, die er restauriert, sollen zudem benutzbar bleiben. Noch immer gehören deshalb Archive aus der gesamten Region zu seinen Kunden – „obwohl dort immer mehr eingespart wird“.

Der in Ostpreußen geborene und im Ruhrgebiet aufgewachsene Fachmann widmet sich aber auch der Herstellung von Fotoalben und Gästebüchern oder dem Einbinden von Dissertationen. Überhaupt finden viele Privatleute den Weg nach Kronberg-Oberhöchstadt, wo in der Niederhöchstädter Straße ein ehemaliger Stall im Hinterhof zu einer bestens ausgerüsteten Werkstatt umgestaltet wurde.

Drei Fenster und zwei Deckenleuchten spenden das notwendige Licht, um auch kleinste Risse unter Schmutzschichten erkennen zu können. Eine Familienbibel, gedruckt 1713 in Frankfurt am Main, liegt auf dem Tisch. Holzdeckel und die aus Hadern geschöpften Blätter sind von Holzwurm- und Silberfischspuren durchzogen, der Bund ist ausgestülpt, das Kapitalband fehlt. „Im Laufe der Jahrhunderte hat sich im Buchblock eine Menge Dreck angesammelt.“

„Hautnaher Geschichtsunterricht“

Die Totalrestaurierung sei angeraten – alles muss in Einzelteile zerlegt, gesäubert und neu geheftet werden. Eine Arbeit, für die mindestens 40 Stunden veranschlagt wird. Vor drei Jahrzehnten hat sich der 72-Jährige selbstständig gemacht – und daneben seinen Beruf in der ehrwürdigen Frankfurter Druckerei Brönner weiter ausgeübt. Das Handwerk kennt er aus dem Effeff. Budelski hat das Zeitalter des Bleidrucks noch miterlebt und in Ascona die Weiterbildung zum Buchrestaurator absolviert. Während die traditionsreiche Profession der Drucker und Setzer fast von der Bildfläche verschwunden ist, kann die Buchbinderei noch immer erlernt werden. Ein Verdienst von Günter Budelski, der die Umgestaltung des Berufsbildes einst mitentwickelt hat. Im Rhein-Main-Gebiet ist er einer der letzten, die das handwerkliche Wissen des Mittelalters nutzbar machen können.

„Hier wird nichts weggeschmissen“, sagt der Meister mit Blick auf seine ungezählten Schubladen und Regalböden voller Papierbögen, Schnittfarben, Kleb- und Radierstoffe. Materialien, denen spezielle Gerätschaften zur Seite gestellt wurden: Schneidemaschine, Heftlade, eine Krause-Presse aus dem 19. Jahrhundert. Die Auseinandersetzung mit den Schriftstücken der Vorfahren ist Budelski nicht nur „hautnaher Geschichtsunterricht“, sondern auch Triebfeder für das jahrelange Engagement in der Kronberger Stadtpolitik. Wer das Vergangene nicht kenne, so das Credo, könne die Gegenwart nicht begreifen.

Für den Buchbinder, der Schulpraktikanten an seinem Wissen teilhaben lässt und Volkshochschul-Kurse abhält, ist jede neue Aufgabe zugleich ein Aufbruch ins Unbekannte.

Seine Handwerkskunst ist lebenslang erprobt. Wie sonst hätte jenes aus der Mitte des 16. Jahrhunderts stammende und in einer Scheune aufgefundene Pachtbuch aus Kriftel gerettet werden können?

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