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Jürgen Stamm tritt als Spitzenkandidat der SPD an.

Bad Homburg

Der Mann aus der zweiten Reihe

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Seit 30 Jahren ist SPD-Fraktionsführer Jürgen Stamm im Bad Homburger Parlament. Der Fraktionsvorsitzende will als Spitzenkandidat in die Kommunalwahl 2016 starten und er würde auch den Job des Fraktionschef noch mal übernehmen.

Jürgen Stamm ist keiner, der immer vornedran stehen muss, auch nicht in der Politik. Dass er trotzdem einen hohen Bekanntheitsgrad in der Stadt und darüber in vielen Orten des Kreises genießt, hat deshalb nicht nur etwas mit seinem Engagement für die SPD zu tun. Stamm ist Polizist, eines seiner Einsatzgebiete ist die Verkehrserziehung.

Seit vielen Jahren, mindestens 15 sind es in der Erinnerung Stamms, schult der Beamte, selbst passionierter Rennradler, Jahrgang für Jahrgang die jungen Radfahrer in der vierten Klasse. Sein lautes und strenges „Uffpasse!“ sitzt den jungen Leute auch Jahre später noch in Gedächtnis und Nacken, so einen Lehrer vergisst man nicht. Stamm schmunzelt.

Ja, die „Burschen“ erkennen ihn auch als halbwegs Erwachsene noch wieder. Vor ein paar Jahren wurde Stamm dann in der Schulzeitung der Hardtwaldschule Seulberg von Viertklässlern gefragt, was denn seine Hobbys seien. „Die Politik“, antwortete er damals, um sich heute, nach vollendeten 30 Jahren im Parlament, doch ein bisschen zu korrigieren: Nein, ein Hobby sei sie nicht, die Politik, sondern harte Arbeit.

Aber offenbar eine, die Spaß macht, denn der Fraktionsvorsitzende will als Spitzenkandidat in die Kommunalwahl 2016 starten und er würde auch den Job des Fraktionschef noch mal übernehmen – wenn ihn die Kollegen denn wollten, wie er vorsichtig formuliert.

Vorsicht, Zurückhaltung und persönliche Bescheidenheit. Jürgen Stamm ist kein Hoppla-jetzt-komm-ich-Typ. Keiner, der seine Grenzen nicht kennt. Er muss nicht in jedem Aufsichtsrat sitzen, nur weil er qua Amt dort sitzen könnte. Immer wieder hat er mangelnde fachliche Kompetenz unter Kommunalpolitikern beklagt, für mehr Fachleute in den Gremien geworben.

Obwohl selbst er schon über Dinge geredet hat, von denen er keine Ahnung hatte. Stamm grinst. Damals als frischer Nachrücker im Parlament, wurde er neben dem favorisierten Verkehrs- auch in den weiland ungeliebten Kulturausschuss geschickt. Dort musste der junge SPD-Mann eine Veranstaltungsreihe „Mariae zu Ehren“ vorstellen. „Oh, oh“, lacht der alte Fuchs über seine Ahnungslosigkeit von damals. Aber der „Kulturmensch Stamm“ von heute sei ja erst „später geboren“ worden. Stamm ist Wagner-Fan und reist zusammen mit seiner Frau der Sopranistin Anna Netrebko hinterher.

Warum also macht er Politik? Weil man so mit Dingen konfrontiert wird und Erfahrungen macht, die sein Berufsleben nicht geboten hätten. Das Diskutieren, das Theoretisieren, das gefiel Jürgen Stamm schon als Juso.

Schon mal an der Partei verzweifelt? Stamm winkt ab. Mehrfach. Auf Ortsebene, als der Lagerkampf zwischen dem früheren Stadtrat Udo Fröhlich und der damaligen SPD-Fraktionsvorsitzenden Beate Fleige Mitte der 1990er in böse Beschimpfungen innerhalb der Fraktion ausartete.

So was ist nicht sein Ding. Als sich Vorgänger Waldemar Schütze nach Verlusten bei den Kommunalwahlen 2011 für die Partei überraschend aus der Führung der Fraktion zurückzog, übernahm Stamm, der eigentlich nie in der ersten Reihe stehen wollte. Und beruhigte die Gemüter und einte die Fraktion.

Nun geht es auf die nächste Kommunalwahl zu, am Freitagabend stimmen die Genossen im Vereinshaus Gonzenheim über ihre Kandidaten ab, im Dezember wird das Wahlprogramm vorgestellt. Warum die SPD für Bad Homburg wichtig ist, weiß Jürgen Stamm ganz genau. Weil sie die Teile der Bevölkerung vertritt, die andere Parteien eben „nicht im Auge“ hätten.

Die Wohnungsbaupolitik ist für Stamm deshalb auch in der nächsten Wahlperiode ein sehr wichtiges Thema und er hofft, „dass wir mitreden dürfen“. Er sehe da klare Unterschiede zur Position der CDU, die eben ihre Klientel bedienen und Reihenhäuser gebaut sehen wolle.
Ob die Partei nach der nächsten Wahl mitreden darf, davor setzt Stamm ein Fragezeichen. Keine Koalitionaussage und wieder große Vorsicht, Realismus, wie immer. Man sei sicher nicht die Partei, die fragt, sondern vielleicht die, die gefragt werde.

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