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Mit Kleingeld zur Kanne

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Von: Olaf Velte

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Frischmilch vor dem Automaten: Markus Wien mit Ehefrau Johanna und den Kindern Carolina und Felix.
Frischmilch vor dem Automaten: Markus Wien mit Ehefrau Johanna und den Kindern Carolina und Felix. © michael schick

Die neue Etappe der hessischen Milch- und Käsestraße führt durch den Taunus. Am Rande von Burgholzhausen können Wanderer und Radler sich an einem Milchautomaten laben.

„Volle Kanne“ ist eine Seltenheit. Silberglänzend und mannshoch reckt sich inmitten einer weißblauen Holzhütte, was kreisweit bislang kein Gegenstück hat. Eine im Wind schaukelnde Kanne weist auf den Zweck der maschinellen Vorrichtung hin.

Hier, am Rande von Burgholzhausen, steht das Grundnahrungsmittel Milch im Vordergrund. Frische Milch, Rohmilch, die aus den Eutern von 90 Kühen stammt. Und die keineswegs nur dem unsicheren, globalen Markt zur Verfügung gestellt wird. Johanna und Markus Wien, Betreiber des Familienhofes in nunmehr dritter Generation, verkaufen ihr wertvolles Gut auch an Nachbarn, Mitbürger, Ausflügler.

Der Milchautomat „Volle Kanne“ macht es möglich – täglich von 7 bis 22 Uhr kann zapfen, wer Kanne und Kleingeld mit auf den Erlenhof an der Mainzer Straße bringt. Mittlerweile ist das vor einem Jahr angeschaffte Gerät rundum bekannt. Auf rund 60 Liter pro Tag beziffert Markus Wien die auf direktem Wege abgesetzte Milchmenge. „Ohne große Werbung hat die Resonanz stetig zugenommen.“ Die Hofkunden zahlen 1 Euro pro Liter – der Molkereipreis liegt derzeit bei weniger als 30 Cent.

Rohmilch – „ein sensibles Thema“ – wird in dem Automaten ständig gerührt und auf 3,9 Grad heruntergekühlt. Wie mit dem Lebensmittel umzugehen ist, wissen die Wiens aus langer Erfahrung.

Der Urgroßvater Ludwig betrieb vorzeiten die Milchsammelstelle des Dorfes, transportierte die Kannen mit dem Pferdefuhrwerk. „Frischmilch ab Hof gab es hier schon immer.“ Für den Inhaber eines klassischen Viehzucht-Ackerbau-Betriebes war es daher selbstverständlich, sich auf die Landkarte der hessischen Milch- und Käsestraße setzen zu lassen.

Weitere 19 Landwirte, Käsemacher und Gastronomen komplettieren seit kurzem die neue „Taunus“-Etappe des 2009 eröffneten Routennetzwerks. Dabei sind auch der Lernbauernhof Maurer und der Lindenhof Rieß aus Bad Homburg – neben der starken Fraktion des Usinger Landes mit seinen Milchbauern und Käse-Handwerkern.

„Regionalität“ und „Direktvermarktung“ sind für Petra Will, Koordinatorin bei der Landesvereinigung Milch in Friedrichsdorf, wichtige Kriterien. „Die teilnehmenden Betriebe sollen Rundgänge und Einblicke in die Produktion gestatten.“ Als übergeordnete Stelle unterstütze man mit Broschüren, Informationsmaterial, gewährleiste Öffentlichkeitsarbeit.

„Wir machen die Erfahrung, dass die Verbraucher verstärkt nach Erzeugern im eigenen Umland fragen.“ Gerade bei jungen Familien lege der „offene Hof“ an Beliebtheit zu. „Dass der direkte Kontakt eine Möglichkeit bietet, bessere Preise zu erzielen, spielt natürlich auch eine Rolle.“ Das in früheren Zeiten vielerorts übliche Milchholen beim Bauern ist aufgrund strenger Vorschriften weitestgehend ausgestorben. „Aber“, so Petra Will, „die Automaten liegen mittlerweile im Trend.“

Gute Aussichten also für die „Volle Kanne“ von Burgholzhausen, wo sogar Radfahrer gerne eine Pause einlegen, um den kühlen, weißen Trunk zu genießen.

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