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Kinoreifes Dorfleben

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Von: Olaf Velte

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Das alte Köppern: Sonntagsspaziergang
Das alte Köppern: Sonntagsspaziergang © Stadtarchiv Friedrichsdorf

Ein wiederentdeckter Film von 1956 lockt die Köpperner aus der Reserve. Zwei Matinee-Vorstellungen entpuppen sich als Kassenschlager. Jetzt gibt es das Werk auf DVD.

Zuerst das Ortsschild: „Köppern – Kreis Obertaunus“. Dann fährt die Kamera hinein, ins pralle Dorfleben des Jahres 1956. Neunzig schwarz-weiße Stummfilmminuten stehen bevor. Schnell lassen die Film-Betrachter jede Zurückhaltung fahren und ihrer Begeisterung freien Lauf. Das wiederentdeckte Dokument sorgte am Sonntagmorgen für gute Laune und volle Ränge im Kino des Friedrichsdorfer Ortsteils.

Der Film sei 1986 zum letzten Mal vorgeführt worden, sagt Erich Gerlach vom Verein Lebendiges Köppern. Fortan galt er als verschollen. In diesem Jahr wurde er von den Enkeln des damaligen Auftraggebers gefunden – und dem Heimatverein zum Kauf angeboten. Damit viele Alt- und Neubürger in den Genuss des Schmalfilms kommen, wurde das Material digitalisiert. Die DVD-Fassung ist ab dem 29. November in Köpperner Geschäften erhältlich. Zwei Matinee-Vorstellungen entpuppten sich als Kassenschlager. Auch die Aufführung am kommenden Sonntag ab 11 Uhr ist fast ausverkauft. Eine weitere, so die Planung, soll im nächsten Frühjahr stattfinden.

August Weidinger, Vorsitzender des Gesangvereins, wollte im Sommer 1956 den Festzug zum Feuerwehrfest auf Zelluloid bannen lassen. Das Vorhaben fiel buchstäblich ins Wasser, es regnete in Strömen. Auserkoren wurden schließlich zwei Tage Mitte September, in denen das Filmteam überall im Dorf unterwegs war. Die erste Station ist die Bürgermeisterei, dann geht es zu Kindergarten und Volksschule, wo der Nachwuchs abgelichtet wird. Im Kinosaal wird es lebhaft, Zwischenrufe tönen durch das Dunkel: „Die Ria!“ „Die Erika!“ wird ebenso erkannt wie viele andere, die heute in den sogenannten besten Jahren sind.

In Köppern gab es damals etwa 1100 Haushalte. Der Ort wird an den Selbstwählferndienst angeschlossen und erhält eine eigene Telefonvorwahl. „Ein Jahr des technischen Aufbruchs“, so der stellvertretende Vorsitzende Norbert Tödter. Neben den 480 Häusern werden noch 54 Behelfsheime bewohnt. Neubauten entstehen: Männer schieben eiserne Schubkarren über schwankende Bohlen. Ausführlich dokumentiert ist das Geschäfts- und Vereinsleben. Neben Hutfabrik und Spinnerei Gauterin sind die vielen Läden und Handwerksbetriebe zu sehen: Metzgerei Dicksee-Heine, Schuhhaus Dölb, Schreibwaren Basler, vor dem Konsum stehen die Verkäuferinnen in ihren weißen Kitteln. Gress & Sohn wirbt mit „Laufmaschen-Eildienst“.

Verwandelte Infrastruktur

Die einst reibungslos funktionierende Infrastruktur ist vergangen. „In Köppern hast’de alles krieht“, sagt ein Kinobesucher. In der Dorfmitte prangt die schöne Linde, Männer tragen noch Hut und Knickerbocker. In den Mundwinkeln kleben Zigarrenstumpen. Es ist eine Zeit des Umbruchs – während die Älteren ihre Leiterwagen ziehen, drehen Jugendliche die ersten Runden auf dem Moped. Die Vereine haben keine Nachwuchssorgen. In den Himmel schwirren Brieftauben, auf dem Hundeplatz wird hart trainiert. Kaum eine Szene bleibt unkommentiert. „De Katzo war en gude Tormann.“ „Im Lebe net!“

Der Festzug wurde im September erneut durchgeführt – und gefilmt. Isetta-Club, Karnevalsverein, Pfadfinder ziehen vorbei. Lange verharrt die Kamera auf den weißgewandeten Festdamen. „Das sind die Mädchen vom Jahrgang 40 – meine Generation“, sagt Gusti Schinz, die zum veranstaltenden Projektteam gehört. Die drei Filmrollen seien ein örtliches Familienalbum von unschätzbarem Wert. Sie sollen im Stadtarchiv eine Bleibe finden.

Noch aber ist die Suche nicht zu Ende. „1961 wurde ein Buntfilm in Köppern gedreht.“ Der Film ist verschwunden. Gusti Schinz will ihn finden.

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