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Ludwig und Elisabeth Calvelli-Adorno mit Großeltern.

Bad Homburg

Kinder zur Rettung ins Ausland geschickt 

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Ein neues Buch beleuchtet Kindertransporte während der NS-Zeit. 

Nach den Vorfällen im November 1938 fällt Helene Adler eine folgenschwere Entscheidung. Die Witwe wird ihre jüngste Tochter Hannelore einem Kindertransport anvertrauen, der eine Hundertschaft Minderjährige aus dem nationalsozialistischen Herrschaftsbereich bringen soll. Die Reise, die am 5. Januar 1939 auf dem Bahnsteig des Frankfurter Hauptbahnhofs beginnt, endet für Hannelore Adler nach diversen Zwischenstationen in den USA.

Das Schicksal des Bad Homburger Mädchens ist einer von 20 Lebenswegen, denen sieben Autorinnen forschend gefolgt und die in dem Band „Rettet wenigstens die Kinder“ versammelt sind. In Zusammenarbeit mit dem Verein „Projekt Jüdisches Leben in Frankfurt. Spurensuche – Begegnung – Erinnerung“ haben die Herausgeberinnen Angelika Rieber und Till Lieberz-Groß nun erstmals ein Grundlagenwerk zum Thema veröffentlicht.

Dabei werden auch – drei Beispiele sind hier aufgeführt – die Unterstützer der Rettungsaktionen gewürdigt. Nur aufgrund der Hilfe verschiedener Organisationen und einzelner, mutiger Menschen konnten etwa 20 000 jüdische Kinder der mit den November-Pogromen einsetzenden NS-Vernichtungsmaschinerie entgehen. Nach dem plötzlichen Tod des Ehemannes und Vaters verlegt die Familie Adler ihren Wohnsitz von Gießen nach Bad Homburg. Angelika Rieber, seit den frühen 1980er Jahren mit jüdisch-deutscher Historie befasst, hat recherchiert, was sich am 10. November in der Wallstraße ereignet hat.

Während die Frauen und Kinder flüchten können, tobt ein fanatischer Mob unter Führung eines aus Oberursel stammenden Pferdehändlers durch die Räumlichkeiten, stiehlt, zerstört und prügelt den Bruder der Mutter fast tot.

Es ist jenes Gebäude, in dem nach der Verheerung der Homburger Synagoge die Gottesdienste abgehalten werden. Heute erinnern dort vier Stolpersteine an die im Frühsommer 1942 deportierten und später ermordeten Familienmitglieder.

Hannelore und Margot Adler, 1929 in Gießen.

„Ich habe“, sagt Angelika Rieber, „mehr als hundert Namen von Kindertransportkindern in meinen Unterlagen.“ Überwiegend beträfen diese das Stadtgebiet von Frankfurt – dazu ein Konvolut von Interviews, „die der Auswertung harren“.

Die Saalburgpreisträgerin und Vorsitzende der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Hochtaunus bereitet nicht nur weitere thematische Herausgaben vor, auch ein „hessenweites Netzwerk von Kindertransport-Forschern“ ist derzeit im Aufbau. „Besonders beschäftigt mich die Frage nach den Helfern und Hilfsorganisationen.“

Auf persönliche Mitteilungen kann sich die Forscherin auch im Fall Calvelli-Adorno stützen. Elisabeth und Ludwig, der bekannten Frankfurter Familie entstammend und als Geschwisterpaar im Juni 1939 nach England zu Pflegeeltern gekommen, haben ab Mitte der Fünfzigerjahre im heutigen Oberurseler Stadtteil Oberstedten gelebt. Die im Alter von 90 Jahren verstorbene Elisabeth Reinhuber-Adorno war nicht nur in der Kommunalpolitik engagiert, ihr Wissen grundierte auch wichtige Zeitzeugen-Projekte.

Nur konsequent, dass das vom Fachhochschulverlag ansehnlich und sorgfältig verlegte Werk schon bald Lektüre für Schülerinnen und Schüler werden soll. „Am Anfang“, so hat es Herausgeberin Rieber einst formuliert, „stand die anschauliche Vermittlung der NS-Zeit für Jugendliche im Vordergrund.“ Lernen aus der Vergangenheit sei nur dann möglich, wenn man genau hinschaue.

Für „Rettet wenigstens die Kinder“ wurde genau hingesehen, auch Schmerzliches nicht vermieden. Die allermeisten der hier auftretenden Kinder haben ihre Eltern, Großeltern, Verwandte nicht wiedergesehen.

Hannelore Adler aus Bad Homburg blieben zuletzt nur die Korrespondenzen mit Mutter und Schwester. Nach sechs einsamen Jahren in der Schweiz siedelte sie nach Palästina über, wo der Vorname in „Aviva“ verändert wird. Als ausgebildete Krankenschwester führt der Weg 1953 nach Nordamerika, wo die junge Frau einige Jahre später heiratet und eine Familie gründet. Vor ihrem Tod mit 66 Jahren besucht Aviva Lefitz, ehemals Hannelore Adler, anlässlich eines Begegnungsprogramms schließlich noch einmal ihren Geburtsort Gießen.

Angelika Rieber und Till Lieberz-Gross (Hg.): „Rettet wenigstens die Kinder“, 25 Euro, ISBN 978-3-947273-11-9

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