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Der Kartenspiel-Zauber währt 20 Jahre

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Von: Stefan Höhle

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Vor jeder neuen Runde werden die Karten sortiert.
Vor jeder neuen Runde werden die Karten sortiert. © Michael Schick

Seit zwei Jahrzehnten kommen „Magic“-Jünger ins Lokki. Oberursel hat sich zu einer hessischen „Magic“-Hochburg entwickelt.

Franz Bruch spielt die berüchtigte Elesh Norn Hohe Zönobitin aus und aktiviert die Karte mit sieben Manas. Unbedarften Zuschauern erschließt sich nichts. Die vier anderen „Magic“-Spieler am Tisch wissen nur zu gut Bescheid. Bruch hat gerade ihre Angreifer geschwächt, die Kreaturen. Derartige Manöver kennen alle der rund 50 „Magic: The Gathering“-Spieler, die sich jeden Freitagabend im „Lokki“ am Oberurseler Bahnhof treffen. Manche kommen seit genau 20 Jahren hierher. Seitdem ist Oberursel eine hessische „Magic“-Hochburg.

Die „Magic“-Szene wird auf weltweit zwölf Millionen Aktive geschätzt, seit 1993 sind in verschiedenen Editionen viele Sets mit zusammen mehr als 14 000 Karten erschienen, keiner besitzt einen kompletten Satz, auch weil ein Pack mit 60 farbenfrohen Bildern auf Karton über zehn Euro kostet. Sammeln, tauschen, kaufen gehört zum Spielerleben aller alten und jungen, fast stets männlichen „Magic“-Insider. Man ist entweder Crack – oder unbedarft.

„Wir brauchten ein Spiellokal“, erzählt Ingo Starker, der als damals 21-Jähriger zusammen mit einem Freund zur „Magic“-Szene zählte. „Im Lokki waren wir willkommen.“ Das Stadtplanungs- und EDV-Büro wird von einem Architektenpaar betrieben, das Fachwerkhaus ist Treffpunkt für Spieler aus dem Rhein-Main-Gebiet. „Als wir uns als Aktive zurückzogen, lebte die Szene weiter“, sagt Starker, heute Beamter bei der Bundesagentur für Arbeit.

Spieler treten bei „Magic“ als durchs Multiversum gereiste Magier auf, die bei Zusammenkünften, den Gatherings, ihre Beschwörungstechniken messen, erworben von anderen Wesen, die auf den Karten abgebildet sind. Wer in seinem 60er-Set die schlagkräftigste Kombination aus Angriffs-, Schutz-, Heilungs- und Wissenschaftsmagie zusammengestellt hat und dazu die richtigen Farbkreise und Länder sein Eigen nennt, kann gewinnen.

5000 Euro für Black Lotus

Gegenzauber droht stets, nicht nur durch die Hohe Zönobitin, sondern eigentlich immer und besonders durch die Black Lotus, die wohl stärkste, auf jeden Fall aber seltenste Karte, für die Sammler über 5000 Euro bezahlen. Denn was in einem erworbenen Pack drin ist, weiß kein Käufer vorher, es können überwiegend gewöhnliche Kreaturen sein oder mal ein Kracher wie eine der raren Power-9-Karten, aber nie mehr eine Black Lotus, der US-amerikanische Hersteller produziert diese Preziose nicht mehr.

Wer, wie Ingo Starker, inzwischen clean ist und seine über Jahre gewachsene Kartensammlung verkauft, kann danach mit der Queen Mary erster Klasse nach New York reisen. Vor 20 Jahren öffneten in fast jedem Städtchen „Magic“- und Rollenspiellädchen, deren Besitzer mit ihrer Leidenschaft Geld verdienen wollten. „So ganz ist das fast keinem gelungen“, sagt Starker. „Die meisten gaben das Geschäft wieder auf.“

Existenzen scheinen im Lokki nicht auf dem Spiel zu stehen. Auf zwei Stockwerken des verwinkelten Hauses brennen Holzöfen, alle Tische und Stühle sind besetzt und umstellt, Karten werden begutachtet, besprochen und ausgespielt. Geld packt hier keiner aus, dafür gibt es andere Treffen. Aber sehen ist erlaubt. Franz Bruch holt ein Album aus der Tasche und schlägt es in der Mitte auf. Dort, wo die Black Lotus steckt. Bruch ist sicher ein glücklicher Mann.

Die „Magic“-Spieler treffen sich jeden Freitag um 19.45 Uhr im Lokki, Nassauer Straße 8, in Oberursel.

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