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Das kaiserlichen Postamt entsteht neu

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Von: Olaf Velte

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Luftiger Arbeitsplatz: Zimmermeister Klaus-Joachim Etzel vor rekonstruiertem Dach.
Luftiger Arbeitsplatz: Zimmermeister Klaus-Joachim Etzel vor rekonstruiertem Dach. © Renate Hoyer

In Bad Homburg wird das Postgebäude aus der Kaiserzeit rekonstruiert. Nun ist Richtfest.

In der traditionsreichen Kurstadt Bad Homburg steht die Vergangenheit hoch im Kurs. Am Freitagvormittag, während des Richtfestes zur Dachrekonstruktion des kaiserlichen Postamtes, wurde dem Wunsch nach Wiederbelebung des Kurhausbezirks als „historischer Ortsmitte“ deutlich Ausdruck verliehen.

Was einige der Würdenträger gedanklich in eine ungewisse Zukunft projizieren, gewinnt sichtbaren Ausdruck auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Es wird gearbeitet. Im Dienste der Firma Löw Immobilien – zu dem Familienunternehmen gehört auch der ortsansässige Dachdeckerbetrieb – lassen Handwerker verschiedener Couleur ein Gebäudeantlitz wiedererstehen, das durch einen Luftangriff im März 1945 zerstört wurde. Dass eine gute Strecke zurückgelegt ist, signalisieren die flatternden bunten Bänder des unter die Wolken gehobenen Richtkranzes. 

Schon sichtbar sind die Formen eines Walmdaches, auch die Naturstein-Balustrade des Belvederchens gemahnt an das von Regierungsbaumeister Max Ludewig entworfene und in wilhelminischer Prunkwucht ausgeführte Gebäude. 1893 bezogen kaiserliche Postbeamte die heute als Denkmal ausgewiesene Louisenstraße 65. Hinter der Sandsteinfassade waren Brief und Paket fast acht Jahrzehnte lang beherrschende Themen.

Weil für das Geschäftshaus eine energetische Sanierung unumgänglich war, entschloss sich Eigentümer Peter Löw zum großen Wurf. Mit der Veränderung des Dachgeschosses entstehen zusätzliche 450 Quadratmeter, auf denen laut Tochter Antonia künftig Büro- und Praxiseinrichtungen platziert werden sollen. Mit dem Abschluss aller Bauarbeiten wird für Mai kommenden Jahres gerechnet. Die veranschlagte Investitionssumme bleibt Familiengeheimnis.  Ein willkommener Nebeneffekt jeder Sanierung ist die Vergangenheitsbewältigung. Hier nun tritt jener Vorgängerbau aus dem Geschichtsdunkel, den die Postler im Jahre 1890 ankauften und niederlegen ließen. 130 000 Mark soll das von Georg Rieger betriebene „Hotel de l’Europe“ damals wert gewesen sein. 

Seit einem halben Jahr rankt sich das Baugerüst unübersehbar in 28 Meter Höhe, macht neben den Dach- auch Fassadenarbeiten möglich. Wenn die Sicht auf Rustikasockel und Attikazone wieder frei ist, kann zudem der originale Schriftzug entdeckt werden: „Kaiserliches Postamt.“ Mit dem – na klar – obligatorischen Punkt am Ende. Um die Feinheiten allesamt abbilden zu können, hat die Löw-Familie alte Bau- und Statikunterlagen im Stadtarchiv eingesehen, nach historischen Abbildungen gesucht. Sogar einer Uhr – zeitgemäßer Machart und hinter Glas – wird der entsprechende Platz zugewiesen. 

„13 Tonnen lasten auf der Dachkonstruktion“, sagt Michael Becker. Der Zimmermeister und Firmenleiter aus Köppern kooperiert schon lange mit den Löwschen Dachdeckern. Derzeit verschiefern die Kollegen den rückwärtigen Dachteil. Ein flotter Fortschritt auf der Baustelle sei dem bislang reibungslosen Hand-in-Hand-Arbeiten der beteiligten Holz-, Stein- und Stahlgewerke zu verdanken.

Und schon erklimmt Meister Becker in Begleitung seiner Zimmerleute das Podest, um den Richtspruch auszubringen. Still wird es auf dem adventsseligen Kurhausvorplatz, nur das feine Hämmern der im Gerüstlabyrinth werkelnden Steinmetze ist zu vernehmen. In gereimter Form kommt uralte Handwerkstradition zum Vortrag, schwarz sind die Westen und Hüte, gefüllt die Gläser. Gelobt wird der Bauherr, gesegnet das Werk. Dann fliegen die Gläser und zerschellen. 

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