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Hans-Werner Dippel verfolgte Räuber und wurde dafür ausgezeichnet.
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Hans-Werner Dippel verfolgte Räuber und wurde dafür ausgezeichnet.

Bad Homburg

„Ich würde es immer wieder tun“

  • Fabian Böker
    VonFabian Böker
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Der Ober-Eschbacher Hans-Werner Dippel bekommt vom Hochtaunuskreis den Preis für Zivilcourage. Er hilft der Polizei dabei, zwei Handtaschenräuber zu stellen und kümmert sich um ihr Opfer. Einer der beiden Räuber hatte zuvor auf ihn geschossen.

Zwei Tage haben das Leben von Hans-Werner Dippel im vergangenen Jahr ordentlich durcheinander gewirbelt. Der 27. Juni und der 3. Dezember. Beide haben mit dem Vorfall zu tun, wegen dem der Bad Homburger nun vom Hochtaunuskreis den Preis für Zivilcourage erhalten hat. An den 27. Juni, einen Freitag, erinnert sich Dippel noch ganz genau.

Das liegt weniger an dem Rod-Stewart-Konzert, das er mit seiner Frau am Abend in Mannheim besucht hatte. Gegen 6 Uhr am Morgen ist der Ober-Eschbacher auf dem Weg zu seiner Stammbäckerei in der Ober-Eschbacher Straße. Er verbindet den Weg wie üblich mit dem Auslauf seines Hundes.

Kurz vor dem Laden fällt ihm ein Auto auf, dass sich „irgendwie verdächtig fortbewegte“, so der 50-Jährige. Auch das Verhalten zweier junger Männer, die auf Höhe der Bushaltestelle Hessengärten aus dem Wagen aussteigen „und sich umschauten, als würden sie einen Einbruch planen“, schürt sein Misstrauen.

Er stellte sich Tätern in den Weg

Als er nach dem Brötchenkauf wieder draußen auf dem Bürgersteig ist, kommen ihm die beiden Männer entgegen. Maskiert, und offensichtlich auf der Flucht. Instinktiv lässt Hans-Werner Dippel seinen Hund stehen und stellt sich den Männern in den Weg. Der erste rennt an ihm vorbei; dann folgt der zweite. Er ist etwa fünf bis sechs Meter von Dippel entfernt, da passiert es: Der Mann zückt eine Pistole, zielt auf Dippel – und drückt ab.

Der 50-Jährige ist geschockt, stellt aber schnell fest: „Ich bin ja gar nicht tot.“ Schreckschusspistole. Und er tut etwas, das auf den ersten Blick unverständlich erscheint: Er handelt ganz überlegt und rational.

Eine weitere Verfolgung der Täter? „Das kam für mich nicht in Frage, dafür waren die beiden schon zu weit weg.“ Also geht er in die Bäckerei, holt eine Kundin als Zeugin heraus, und kümmert sich eingehend um die junge Frau, die an der Bushaltestelle steht. Ihr hatten die Täter unter Vorhaltung der Waffe die Handtasche entrissen – „sie zitterte wie Espenlaub“, erinnert sich Dippel.

Nebenbei ruft er auch noch die Polizei, gibt eine Beschreibung des Wagens, in den die Täter stiegen, und das Kennzeichen durch. Kurze Zeit später werden sie und ihre zwei Begleiter gefasst.

Bei der Preisverleihung attestierte ihm ein Vertreter der Polizei richtiges Verhalten – nur der Versuch, die Täter aufzuhalten, sei leichtfertig gewesen. Hans-Werner Dippel gibt zu, dass es schwierig sei nachzuvollziehen, sich „für eine Handtasche“ in eine solche Gefahr zu geben. Aber er sagt auch ganz klar: „Ich würde es immer wieder tun.“

Wie gefährlich die Situation für ihn war, erkennt er aber erst am 4. Dezember, einem Donnerstag. An diesem Tag findet die Verhandlung gegen die Täter statt. Beide entschuldigen sich bei ihm. Am Abend erfährt Dippel, dass in Hannover ein junger Mann in einem Supermarkt erschossen wurde. Er hatte versucht, sich einem Räuber in den Weg zu stellen.

Plötzlich sind die Bilder aus dem Juni wieder da. Auf einmal wird Dippel bewusst, dass, wenn der Täter eine scharfe Waffe gehabt und getroffen hätte, „es mich nicht mehr geben würde“. Er merkt nun, dass die Diskussionen mit seiner Frau und seinen Freunden, in denen sie seine Leichtsinnigkeit angemerkt haben, vielleicht doch nicht so falsch waren. „Für eine Handtasche“, denkt er immer wieder.

Aber an seiner Einstellung wird das nichts ändern. Natürlich kann er nicht sagen, wie er sich in einer anderen Situation konkret verhalten wird. Aber er hat nicht vor, anders zu handeln. „Ich hatte viel Glück, aber ich würde es wieder tun.“ Schon vor Jahren, nach einem Verkehrsunfall, bei dem er selbst schwer verletzt wurde, hat er als erstes anderen geholfen. Ganz überlegt, ganz rational. Noch etwas ist bemerkenswert: Hans-Werner Dippel redet sehr reflektiert über das Geschehen. Er hegt keinen Groll gegen die Täter. Er hat sie vor Gericht erlebt, ebenso die völlig aufgelöste Mutter eines Täters. „Es sind nicht nur die bösen Täter.“ Und dann gibt es da noch das Opfer, eine junge Frau von Mitte 20. Dippel kannte sie vor der Tat flüchtig. Mittlerweile haben sie sich ein paar Mal getroffen, die Tat zusammen verarbeitet. Sie fährt inzwischen auch wieder von der Bushaltestelle ab, an der man sie bedroht hat. Alles ohne Angst. Ein schönes Ende.

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