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"Ich male mir das Leben schön"

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Marion Dörre stellt in der Englischen Kirche Bad Homburg aus.
Marion Dörre stellt in der Englischen Kirche Bad Homburg aus. © FR/Schick

Nach einem schweren Unfall findet die Marion Dörre aus Friedrichsdorf neuen Sinn in der Kunst. Das Ergebnis ist jetzt in der Englischen Kirche Bad Homburg zu sehen. Von Anton J. Seib

Von Anton J. Seib

Es waren stets existenzielle Erlebnisse, die das Leben von Marion Dörre in neue Richtungen wendeten. Das war 1987 so, als die Künstlerin und Lehrerin mit ihrer Familie ein Jahr in der kalifornischen Wüste Anza Borrego verbrachte und bei zwei Erdbeben Faszination und Schrecken der Natur erlebte. Das war so 2000 in Spanien, als Dörre in der Nähe von Jerez mit dem Auto verunglückte. Sie überlebte mit schweren Wirbelsäulenverletzungen und saß lange im Rollstuhl. Zehn Jahre später steht die zierliche Frau in ihrem Friedrichsdorfer Atelier und sprüht vor Energie. Die Kunst hat es möglich gemacht - und ihr starker Wille. "Jetzt male ich mir die Welt schön", hatte sie sich nach dem Unfall gesagt. Und sie nutzte die Krise als Start in ihr neues Leben als freischaffende Künstlerin.

Ihren Beruf als Lehrerin für Kunst und Französisch musste die heute 64-Jährige nach dem Unfall aufgeben. Noch heute leidet sie unter den Spätfolgen. Neben den beiden Staffeleien steht eine Seilzugmaschine. Damit trainiert sie während der Arbeit die Rückenmuskulatur. Das muss sein. "Ich arbeite mit dem ganzen Körper", sagt sie. Aber sie arbeitet weiter, auch wenn der Rücken schmerzt. Und fährt immer wieder zur Englischen Kirche nach Bad Homburg, wo derzeit eine Ausstellung mit einem Querschnitt ihres Schaffens zu sehen ist.

Ballast abwerfen - das ist seit einigen Jahren das große Thema der Künstlerin. Einst lehrte sie das einfache Leben in der Wüste, auf viele liebgewordene Dinge zu verzichten. "Das sind nicht nur Gegenstände, das können auch antiquierte Ideen sein. Weil sie zum Ballast werden können." Den sie abwerfen will. "Die Wüste hat mich verändert", sagt die 64-Jährige.

Kunst war stets Mittelpunkt ihres Lebens. "Bei uns daheim wurde immer gemalt", sagt die Tochter eines Frankfurter Architekten, der sich vor vier Jahrzehnten in Köppern niederließ. Sie studierte Kunst an der Frankfurter Uni, belegte Kurse an der Städelschule und besuchte Meisterkurse der Kunstakademie Bad Reichenhall. Und sie versteht sich als Kunstvermittlerin. Als Lehrerin für ihre Schüler.

Oder als Kuratorin: Fasziniert von der Fassade der Sanofi-Aventis-Zentrale, damals noch in Bad Soden, stieg sie kurzerhand aus dem Auto und fragte am Empfang, ob sie dort ihre Bilder zeigen dürfe. Sie durfte - und erhielt als Draufgabe den Auftrag, für das Unternehmen Kunstausstellungen zu organisieren.

Marion Dörre malt konsequent abstrakt, verwendet kräftige Farben. "Ich kenne keinen geraden Strich", sagt sie. Auf den Wüstenbildern etwa wachsen Schicht für Schicht krude Welten aus erdigen Farben. In der blauen Serie dominiert großflächig die kräftige Primärfarbe. Viele ihrer Bilder zeigen Anklänge an das Informel der 1950er Jahre, deren Protagonisten bewusst auf klassische Form- und Kompositionsprinzipien verzichteten. Ihrem Thema "Ballast abwerfen" hat sie eine neue Serie von Acrylbildern gewidmet. Sie lassen die gestischen Kraftakte ahnen, mit denen Dörre die wilden Farbstrudel mit schnellem Pinsel auf die Leinwand setzte. Bilder, die Abkehr von alten Mustern und früherer Malweise bedeuten - eben Ballast abwerfen.

Und da ist die Installation "Halt": Medizinische Korsetts baumeln, ihres ursprünglichen Zwecks beraubt, als riesiges Mobile im Raum. Seit ihrem Klinikaufenthalt nach dem Unfall sammelt die Künstlerin getragene Korsetts. Einst gaben sie Halt, doch wer sie ablegen kann und darf, wirft mit ihnen Ballast ab.

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