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Hitlers Finanzminister Hjalmar Schacht.
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Hitlers Finanzminister Hjalmar Schacht.

Oberursel

Hitlers Zahnarzt im Käfig

  • Olaf Velte
    VonOlaf Velte
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Schicksale und Verstrickungen: Der Oberurseler Heimatforscher Manfred Kopp kennt die komplizierte Geschichte des ehemaligen Militärgeländes Camp King wie kein Zweiter.

Mit Wing Commander Harry Day fängt alles an. Der Brite ist der erste Flieger, der nach seinem Absturz in das Durchgangslager Luft nach Oberursel gebracht wird. Mit seiner Ankunft beginnt im Oktober 1939 die Aufklärungsarbeit der deutschen Luftwaffe – in dem nationalsozialistischen Vorzeigeprojekt „Reichssiedlungshof“ ist unwiderruflich der Krieg angekommen.

Für die kommenden drei Jahrzehnte sollte das Oberurseler Lager in den Händen von Soldaten und Geheimdienstlern bleiben: Eine Geschichte, reich an menschlichen Schicksalen und internationalen Verstrickungen. Heimatforscher Manfred Kopp kennt die komplizierte Camp King-Historie wie kein Zweiter, hat Aufsätze dazu veröffentlicht und führt Gruppen durch das einst abgeschottete und heute weitgehend bebaute Areal.

Stets interessieren ihn die Menschen, die zwischen die Mahlsteine der Politik geraten sind, die alltäglichen Begebenheiten hinter den strategischen Planungen und irrationalen Winkelzügen. Von einem strikten Schwarz-weiß-Denken will der Saalburgpreisträger nichts wissen – „wichtig sind die Grauwerte“. Folgerichtig handelte sein jüngster Vortragsabend in seiner Forschungszentrale im Rosengärtchen 37 von neun Lebensläufen.

Das Leben im Lager

Über die Lebensbedingungen im Lager berichtet der US-Pilot Jacob E. Smart, dessen „Fliegende Festung“ im Mai 1944 abgeschossen wurde. Untergebracht wird der Gefangene in einem schmalen Raum, das Mobiliar besteht aus einem Tisch und einer Pritsche mit Strohmatratze. Während der Verhöre durch deutsche Luftwaffenoffiziere herrscht ein kollegiales Klima – es kommt weder zu „Misshandlung oder gar Folter“.

SS oder Gestapo hatten hier nie das Sagen. Aufseiten der Deutschen arbeitet Albert Nagel, ein studierter Minnesangexperte mit hervorragenden Englischkenntnissen. Weil er bei den Leibesvisitationen aus Shakespeare-Dramen rezitiert, bleibt er vielen Inhaftierten unvergessen. Bis zum Kriegsende werden 40?000 Flieger in Oberursel festgehalten und ausgefragt.

Vor sechs Jahren hat Manfred Kopp mit den Recherchen begonnen – ein Ende ist noch lange nicht in Sicht. 2005 bekam er noch wichtige Informationen von zwölf Zeitzeugen. Am 1. April feiert der oft befragte Franz Gajdosch, einst Barkeeper im Camp King, den 90. Geburtstag.

1945 übernehmen US-Militärs das Kommando und beschlagnahmen auch angrenzende Gebäude und Einrichtungen. Aus den mobilen Aufklärungseinheiten wird das European Military Intelligence Center. Bevor er nach Nürnberg überstellt wird, landet zum Beispiel der ehemalige Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht in Camp King. Er kommt von der Außenstelle Schloss Kransberg und beklagt sich in seinen Memoiren über den Oberurseler „Käfig“: „Es war die scheußlichste Unterkunft, die ich je in meinen Gefängnissen gehabt

habe.“ Zur Nazi-Prominenz gehört Hugo Blaschke, der mit selbst gebastelten Instrumenten die Mitgefangenen behandelt. Als Zahnarzt Hitlers spielt er eine wichtige Rolle bei dessen Identifizierung – in Oberursel hat er das Gebiss des „Führers“ in Gips nachgebildet und gezeichnet.

Dokumentiert sind daneben die Aufenthalte des in Ungnade gefallenen Oberst von Bonin, des Kriegsverbrechers Barbie oder der Fliegerlegende Hanna Reitsch, die mit dem amerikanischen Journalisten Douglas Chandler im Duett singt. Dass in Oberursel der Keim zum bundesrepublikanischen Geheimdienst – hervorgehend aus der NS-Einheit Fremde Heere Ost – gelegt wird, ist ein eigenes, irrwitziges Kapitel. Für die DDR-Regierung war das Camp King „eine der gefährlichsten zentralen Dienststellen des US-Geheimdienstes in Europa“.

„Ich erfahre immer mehr“, sagt der 1933 geborene Kopp. Zu einer wichtigen Aufgabe sei das Strukturieren des gesammelten Wissens geworden. Und: „Es sind auch viele Geschichten im Umlauf, die nicht stimmen.“ Er will Denkanstöße geben, historische Entwicklungen an Einzelschicksalen festmachen. Die Zuhörer zum Handeln anregen. „Betroffenheit alleine reicht nicht.“

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