Warten auf einen Vorsitzenden: Vize Luitgard Schader.
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Warten auf einen Vorsitzenden: Vize Luitgard Schader.

Verein Wir Friedrichsdorfer

Hilfe im Tausch gegen Hilfe

  • Miriam Keilbach
    vonMiriam Keilbach
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Alleineleben kann schwierig sein. Der Verein "Wir Friedrichsdorfer" organisiert unentgeltliche Dienste für Einwohner der Stadt.

Alleineleben kann schwierig sein. Der Verein "Wir Friedrichsdorfer" organisiert unentgeltliche Dienste für Einwohner der Stadt.

Manchmal scheitert das Alleineleben an den einfachen Dingen. Senioren können sich zwar noch selbst versorgen, aber keine Kartoffeln in den ersten Stock tragen. Jener Dinge, die unter Nachbarschaftshilfe fallen, hat sich ein Verein angenommen: „Wir Friedrichsdorfer“ springt ein, wenn es um Dienstleistungen geht, die man nicht kaufen kann.

Wer Hilfe braucht, meldet sich per Telefon. Jeden Werktag von 10 bis 12 Uhr nehmen vier Ehrenamtliche Anrufe entgegen. „Der Verein ist ein Vermittler, damit keiner bedrängt wird“, sagt die zweite Vorsitzende Luitgard Schader. Helfen soll nur, wer möchte, keiner müsse sich rechtfertigen, wenn er einen Auftrag nicht annehmen wolle. In einer Datenbank steht, welches Mitglied bei welchem Hilfegesuch angesprochen werden möchte.

Ein Tauschgeschäft

Im Jahr 1999 gründete sich der Verein, inzwischen hat er rund 300 Mitglieder. Mitmachen darf nur, wer in Friedrichsdorf lebt. Die meisten Mitglieder sind Senioren, die größte aktive Gruppe steht am Anfang des Rentenalters. „Jüngere haben andere Präferenzen, die kümmern sich um Job und Familie“, sagt Schader.

Dabei sei der Verein auch für Jüngere attraktiv, etwa wenn der Heizungsableser kommt. „Ich habe öfter jemanden eingesetzt, der mir ein Päckchen bei der Post abholt, weil ich nicht dazu kam“, sagt die Musikwissenschaftlerin. Allerdings bekommt nur derjenige Hilfe, der vorher geholfen hat.

Es gibt Grenzen

Der Verein hat ein Punktesystem, pro halbe Stunde wird dem Helfenden eine halbe Stunde gutgeschrieben, in der er sich helfen lassen kann. „Welche Leistung man erbringt, ist egal, das ist bei uns gleichwertig.“ Ein Ehrenamtlicher gibt einmal im Quartal die Punkte ins System ein.

Ausnahmen gibt es nur für Leute, die sich einmal engagiert haben, inzwischen nicht mehr helfen können und ihr Punktekonto aufgebraucht haben. Das ist dann die reine Nachbarschaftshilfe. Am meisten angefragt werden Seniorenfahrdienste: zum Arzt, zur Apotheke, zum Supermarkt. Wichtig sei vielen Senioren, dass sie von der Wohnung bis zur Empfangstheke in der Praxis Hilfe hätten. Hin und wieder lehnt der Verein auch Anfragen ab: Putzdienste, Haushaltshilfe, Pflege oder Hilfe gegen Geld. Der Verein macht nur, was kein Beruf ist.

Projekte in der Stadt

Er finanziert sich zum einen über die Mitgliedsbeiträge – zwölf Euro im Jahr –, zum anderen gibt es auch einen Mietzuschuss von der Stadt für die Vereinsräume. „Wir haben die Kosten runtergefahren und putzen nun selbst“, sagt Schader, die früher für die Grünen im Stadtparlament saß. Die Unterstützung durch das Rathaus sei super. Früher habe es öfter Ärger mit dem Finanzamt gegeben, das den Verein als eine Art organisierte Schwarzarbeit ansah, doch nun habe sich die Situation merklich entspannt.

Der Verein macht auch bei diversen Projekten mit. Mitglieder betreuen seit zwei Jahren die Tafel in Friedrichsdorf. Zudem gibt es ein Lesepatenprojekt an der Hardtwaldschule in Seulberg. Ein Jahr lang helfen Vereinsmitglieder in den ersten beiden Schuljahren im Deutschunterricht beim Lesen-Üben. An der Philipp-Reis-Schule bekommen Kinder einen Paten, der mit ihnen Hausaufgaben macht und Alltagshilfen gibt, etwa die Vorbereitung auf ein Bewerbungsgespräch. Schader: „Wir sehen das als Nachbarschaftshilfe; die Kinder sorgen später für uns, das ist ein Teil des Generationenvertrags.“

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