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Hilfe für russische Behinderte

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Sozialpädagogin Marina Tereschina zeigt sich beeindruckt von der Arbeit mit behinderten Menschen in Oberursel.
Sozialpädagogin Marina Tereschina zeigt sich beeindruckt von der Arbeit mit behinderten Menschen in Oberursel. © Andreas Arnold

Behinderte drohen, in der russischen Gesellschaft unterzugehen. Die Oberurseler Behindertenhilfe hilft in der Partnerstadt Lomonossow dabei, dass dies sich ändert. Russische Fachkräfte nehmen derzeit an einem Austausch mit Oberursel teil.

Von Eva Marie Stegmann

Als Anna Weckler zum ersten Mal die russische Stadt Lomonossow besuchte und sah, wie behinderte Menschen dort leben, war sie entsetzt. „Das jagte mir einen richtigen Schauer über den Rücken“, berichtet die Bereichsleiterin der Behindertenhilfe des Internationalen Bundes in Oberursel. „Sie werden in Heime gesteckt, weitab von der Stadt ohne Busanbindung. Viele Familien verstoßen behinderte Kinder, manche Väter verlassen Mutter und Kind“, zählt sie auf.

Was sie in Lomonossow sah, ist in Russland Normalität. „Behinderte, gerade geistig Behinderte, gehen dort unter“, sagt sie. Manche Bürger würden sich vor ihnen erschrecken, andere nähmen an, dass es Menschen mit diesen Einschränkungen kaum gebe, dass sie Randerscheinungen seien. „Kein Wunder“, sagt Weckler, „man sieht sie nicht auf den Straßen.“ Wie auch? Die Männer und Frauen seien in Heimen „versteckt“.

Reha-Zentrum für Kinder und Erwachsene

Der erste Besuch von Anna Weckler war vor zehn Jahren. Er legte nicht nur den Grundstein für die Städtepartnerschaft zwischen Oberursel und der russischen Stadt Lomonossow, die administrativ zu Sankt Petersburg gehört, sondern auch für einen Paradigmenwechsel. Gemeinsam mit Vertretern des Vereins zur Förderung der Oberurseler Städtepartnerschaften, aus dem der Impuls, sich ein Bild von der Lage vor Ort zu machen, überhaupt erst gekommen war, engagiert sich der Internationale Bund seit jenem ersten Besuch. Dafür, dass sich die Situation, aufgrund derer damals Anna Weckler besagter Schauder heimsuchte, ändert.

Mit Erfolg: Mit Unterstützung der Aktion Mensch und des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend konnte in Lomonossow ein Reha-Zentrum für Kinder und Erwachsene errichtet werden. Die Einrichtung startete vor fünf Jahren mit zwei Abteilungen, nun sind es sieben. Außerdem gibt es dank der Unterstützung eines Oberurseler Bürgers eine Kerzenwerkstatt für behinderte Menschen.

„Wir wissen genau, wo wir hinwollen“, sagt Swetlana Lutschiz, die Sozialdezernentin von Lomonossow und damit des Verwaltungsbezirks Petrodworetz. Gemeinsam mit fünf Fachkräften nimmt sie derzeit an einem Austausch mit Oberursel teil.

Auf dem Programm stehen Besuche in den verschiedensten Einrichtungen für Behinderte, zum Beispiel dem Wohnhaus Borkenberg oder den Werkstätten Oberursel. „Wir freuen uns, von den deutschen Kollegen lernen zu können“, sagt Lutschiz.

Wohneinrichtungen für Behinderte

Dabei ist auch Marina Alexandrowa Tereschina, die als Sozialpädagogin im Rehabilitationszentrum für Menschen mit Behinderungen arbeitet. Besonders beeindruckt hat die junge Frau der Besuch einer Tanzschule, in der Behinderte und Nicht-Behinderte miteinander getanzt haben. „Es war so voller Wärme“, schwärmt sie. Ein Vorbild wolle sie sich vor allem am Umgang miteinander und der Organisation der Tagesabläufe nehmen.

Das nächste Projekt, das in Lomonossow zusammen mit der IB-Behindertenhilfe gestemmt werden soll, sind Wohneinrichtungen, vor allem für geistig behinderte Menschen. Die Hilfe der Stadt Oberursel darf bei all dem nicht vergessen werden. „In Russland gibt es Vorbehalte gegen Nicht-Regierungs-Organisationen“, erklärt Martina Koch, Sozialpädagogin bei der IB-Behindertenhilfe Hochtaunus, „sie stehen unter dem Verdacht, Spione zu sein.“ Doch als Delegierte der Stadt nach Lomonossow zu reisen, das öffnete ihnen die Türen.

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