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„Hier steht das Bier im Mittelpunkt“

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Von: Olaf Velte

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Braumeister Dietmar Schmitt am Sudwerk.
Braumeister Dietmar Schmitt am Sudwerk. © michael schick

Ohne Reinheitsgebot und heimisches Wasser läuft im Alt-Oberurseler Brauhaus nichts. 193 Sude wurden 2015 aufgesetzt, der Ausstoß liegt bei 1800 Hektolitern jährlich.

Aus den Wäldern des Taunusgebirges kommt es, sammelt sich im Urselbach, durcheilt das Städtchen Oberursel. Einst in Brunnen aufgefangen, heute per Rohrleitung in jedem Haus verfügbar. Wasser, kostbares Element – einst verantwortlich für die örtliche Mühlenherrlichkeit, heute den Ruf einer „Bier-Residenz“ begründend.

16 Mal können Trinker aus Nah und Fern jenem Grundnahrungsmittel nachschmecken, dem Oberursels Wasser sein Bestes mitgegeben hat. Es ist kein weiter Weg vom Lauf des Baches bis in die Ackergasse Nummer 13. Lang hingestreckt und kaum zu übersehen schmiegt sich dort die ehemalige Wohnstatt des Hofkammerrats Anton Pfeiff in die Gassenbiegung, mit dem Schriftzug „Alt-Oberurseler Brauhaus“ auf seine aktuelle Bestimmung hinweisend.

Es ist alles, wie es sein soll: Dielengebretterte und von menschlichen Körperteilen holzpolierte Gemütsdämmerung, in der das gesellige – aber auch das einsame – Trinken noch eine Passion ist.

„Hier steht das Bier im Mittelpunkt“, sagt Thomas Studanski, der Gastronomie plus Hausbrauerei vor 22 Jahren an den Start gebracht hat. Mit dem Wirt kam damals Dietmar Schmitt – Unterfranke und bei Karmeliter Bräu geschult – vor die Hänge des Taunus. Ohne Wenn und Aber benennt der Braumeister jene Zutat, die dem lokalen Gerstengetränk seine Unverwechselbarkeit verschafft: „Das hiesige weiche Wasser, ein Garant für Qualität.“

Damit kann das ständig verfügbare Bier-Duo in Hell und Dunkel ebenso gelingen wie die große Palette traditioneller Saisonprodukte. Da folgt dem Alt im Januar ein spätwinterliches „Mitternachtsbier“ samt Märzen, auf das Frühling und Sommer mit Maibock und Weizen jubilieren. Dass sich die Oberurseler Novembertristesse nur mit dem bernsteinfarbenen „Schlotfeger“ ertragen lässt, ist mittlerweile allseits bekannt.

Worauf sich der ganze handwerkliche Reichtum gründet, steht geschrieben. Hinter den im Gastraum kupfern aufragenden Läuter- und Maischebottich, fast versteckt, das ewig gültige Gebot in altdeutschem Schriftbild: “...zu kainem pier merer stüchh dan allain gersten, hopfen un wasser genommen un gepraucht solle werdn.“ Für Wirt und Braumeister ist das 1516 der Welt übergebene „Reinheitsgebot“ bindend – modischer Firlefanz in flüssiger Form hat in Alt-Oberursel jedenfalls keinen Platz.

Und weil Studanski und Schmitt im Biervertrauen nie nachgelassen haben, hat die eigene Brauanlage ihre Kapazitätsgrenze erreicht. 193 Sude wurden 2015 aufgesetzt, der Ausstoß liegt bei 1800 Hektolitern jährlich. Mitbeliefert wird das Restaurant „Waldtraut“ an der Hohemark, der Außer-Haus-Verkaufsanteil beträgt 8 Prozent. Ein Wille zur eigenen Herstellung habe das Konzept klar geprägt, so Studanski, der die deutschen Anfänge des Gasthausbrauens in den Achtzigern hautnah miterlebt hat. Die Anlage mitsamt Tanks hat ihn 1 Million Euro gekostet.

Damit der Zapfhahn niemals stille steht und kein Krug ungefüllt bleibt, musste ein umfassendes Angebot etabliert werden. In dem barocken Herrensitz wird heutzutage getagt und geheiratet, getafelt und geführt. Da ehrt man den Tag des Bieres mit Maßkrugstemmen und freigiebig gereichtem Trunk, dienen Brau-Seminare der allgemeinen Aufklärung. Mehr als 60 Leute sind laufend und in wechselnden Schichten im Einsatz, um die schäumenden Kreationen in „Hopfenstube“, „Blumenzimmer“, „Brennbar“ oder Biergarten zu tragen.

Serviert und ausgeschenkt wird im Palais Pfeiff seit nunmehr 246 Jahren. Metzger Braun als erster Wirt hatte es wohl kaum mit Ausflüglern und Touristen zu tun, durfte sich eher auf eine trinkfeste Orscheler Kundschaft verlassen. – Dem Bier mag es recht sein.

Dass der von Braumeister Dietmar Schmitt verantwortete Trunk einen nicht unerheblichen Teil zum Erhalt dieses einzigartigen Oberurseler Bauwerks beigetragen hat, mag aber zu denken geben. Rundheraus und über den Durst hinaus gefragt: Gehorcht das hiesige Biertrinken nicht zuvorderst einem guten Zweck?

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