Die Märchenerzählerin in Aktion - gemeinsam mit ihrem Hund, Prinz Michi.
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Die Märchenerzählerin in Aktion - gemeinsam mit ihrem Hund, Prinz Michi.

Neu-Anspach

Hessenpark Neu-Anspach: Von blauen Blumen, köstlicher Steinsuppe und Schwälmer Kitzel

  • Meike Kolodziejczyk
    vonMeike Kolodziejczyk
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Auf exklusiver Führung mit der Märchenerzählerin Michaele Scherenberg im Hessenpark lernen FR-Leserinnen und -Leser allerlei Geschichten kennen - und viel über die Region.

Prinz Michi zittert vor Aufregung. Er sitzt im hohen Gras unter einem Kirschbaum, neben ihm zückt Michaele Scherenberg eine kleine Pfeife und bläst sanft hinein. Dann erzählt sie von längst vergangenen Zeiten, als die Bauersleute und Handwerker sich nach getaner Arbeit auf der Bank vor dem Haus ausruhten, mit den Nachbarn babbelten und sich auf das Abendessen freuten, auf „Gequellte mit Matte“, auf Pellkartoffeln mit Quark.

Manchmal sind es die vermeintlich einfachen Dinge, die den Menschen zum Glück reichen. So wie im Märchen von dem Jungen, der auf einem Berg eine blaue Blume findet. Er will sie seiner Mutter bringen, als plötzlich ein graues Männlein erscheint und ihn ins Innere des Berges lotst, wo die wertvollsten Kostbarkeiten lagern. Der Junge füllt sich die Taschen, doch als er die Schatzkammer verlässt, vergisst er die blaue Blume, und das Männlein erinnert ihn: „Das Wichtigste ist nicht Gold und Gut, das Wichtigste sind die Blumen und das Leben.“

Dieser Hahn mit roter Krone muss ein verzauberter König sein.

Prinz Michi hat aufgehört zu zittern und beschnuppert nun ein Mädchen, das mit seinem älteren Bruder in den Hessenpark gekommen ist, um Michaele Scherenberg zu lauschen. Die Märchenerzählerin nimmt ihren Chihuahua gern mit zu ihren Führungen. „Immerhin ist er ja ein Prinz“, sagt sie und streichelt das Hündchen. Und sie hat noch mehr dabei: Allerlei hübsche, historische und skurrile Dinge zaubert sie aus ihrer Tasche und baut sie in ihre Geschichten ein. Einen Kitzel zum Beispiel. Das mit Rosshaar gefüllte runde Patchwork-Kissen gehörte zur Schwälmer Tracht und diente Frauen dazu, Backbleche, Körbe oder Eimer auf dem Kopf zu tragen. Der zehnjährige Milan darf das mal ausprobieren. „Ist gar nicht so einfach“, meint er, als ihm nach einigen Metern der Kitzel samt Transportgut herunterpurzelt.

An der Führung nimmt an diesem Tag nur ein kleiner Kreis von Kindern und Erwachsenen teil. Zwar hat der Hessenpark seit Juli wieder täglich geöffnet, doch wegen der Corona-Pandemie bietet das Freilichtmuseum bei Neu-Anspach im Taunus in diesen Sommerferien keine regulären Mitmach-Aktionen und Veranstaltungen an.

Hhmm, gleich ist sie fertig, die köstliche Steinsuppe.

„In der Zeit von Corona ist es mein tiefes Anliegen, dass wir uns berühren, ohne uns anzufassen“, sagt Michaele Scherenberg. Dies gelingt der ehemaligen Fernsehmoderatorin und Videojournalistin nicht nur über ihre Märchen, sondern vor allem über ihre interaktive Performance, die Art, wie sie erzählt und ihr Publikum einbezieht.

Der sechsjährigen Amali drapiert sie einen Haarreif mit bunten Stoffblumen auf den Kopf, ihrem Bruder drückt sie behutsam Prinz Michi in den Arm. Sie bittet die Kinder, einen Stein zu suchen und in einen kleinen Topf zu werfen und fordert die Teilnehmenden auf, über Fassaden und Fachwerkbalken zu streichen und Häuser zu „umarmen“. Die Energie der 70-Jährigen steckt an. Rennend, tanzend, hüpfend geht es von Station zu Station quer durch den Hessenpark. Andere Gäste des Freilichtmuseums schauen der illustren Gruppe interessiert nach.

„Ich erzähle gern etwas über den Hessenpark“, sagt Michaele Scherenberg, „aber immer eingebaut in Märchen.“ Beim Halt am Haus aus Eisemroth weiß sie zu berichten, wie das Fachwerkgebäude Mitte der 1980er Jahre im Lahn-Dill-Kreis abgebaut und im Hochtaunus wieder aufgebaut wurde, und dass die alte Dame, die zuletzt in dem Haus gewohnt hatte, es an seinem neuen Standort im Hessenpark besuchte. Das Märchen „Die Steinsuppe“ verlegt Michaele Scherenberg dann nonchalant nach Eisemroth.

Was es wohl mit diesem Mäuschen auf sich hat?

Die „Magie des Erzählens“ habe sie schon als Kind in der DDR entdeckt, in den Märchen ihrer Omis Mümchen und Berta, in den Geschichten, die sie sich ausdachte und anderen erzählte. Als sie selbst Kinder hatte, sei sie eine „gefragte Gruselerzählerin“ gewesen. Heute betreibt die einstige TV-Redakteurin und Filmemacherin, die beim HR unter anderem die Kult-Sendung „Hessen à la carte“ moderiert hat, das „Wohlfühlhaus“ in der Altstadt von Bad Homburg. Märchen haben sie ihr ganzes Leben begleitet, seit rund 20 Jahren sind sie ihr Beruf und Berufung.

Am Brunnen auf dem Marktplatz angekommen, fragt sie, ob sie „Der Froschkönig“ oder „Das Märchen von den beiden Mäusen“ erzählen soll. „Den Froschkönig kennen wir schon“, rufen die Kinder. „Also lieber das andere.“ Michaele Scherenberg zieht zwei handgefertigte Mäusepuppen aus ihrer Tasche und schildert, wie die dünne Tanzmaus und die dicke Schlaumaus gemeinsam ihr Leben meistern.

„Ich könnte uralt werden und es trotzdem nicht schaffen, alle Märchen zu erzählen, die ich kenne“, sagt Michaele Scherenberg. Sie kennt sie aus mündlicher und schriftlicher Überlieferung, aus Legenden, Sagen, Liedern, Gedichten. Etwa von der „alten Anka, die längst im Himmel ist“ und von der sie neben vielen Geschichten aus der Schwalm auch das Kitzel-Kissen bekommen hat.

Egal, welches Märchen sie erzählt: Jedem verleiht sie eine ganz eigene Note. Und natürlich spielen dabei auch die Brüder Grimm eine große Rolle, besonders im Hessenpark. „Schließlich wurden Jacob und Wilhelm Grimm gar nicht weit von hier geboren.“ Da deren „Froschkönig“ am Brunnen nicht zum Sprung kam, sind im Schatten einer Scheune „Spindel, Weberschiffchen und Nadel“ an der Reihe. Es folgt „Das Märchen vom Becher des Ewigen Lebens“, das sich „jetzt speziell an die Erwachsenen richtet“, betont die Erzählerin, die oft sehr spontan beschließt, wie sie ihre Führungen gestaltet. „Ich schaue erst, wer da ist, und entscheide dann, welche Märchen ich erzähle.“

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