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"Heimat ist ein schöner Begriff"

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Gregor Maier
Gregor Maier © Hannah Eitel

Der Historiker Gregor Maier spricht im Interview mit der Frankfurter Rundschau über Identität, Ehrenämter, Bürgergesellschaft und die Rolle der Vereine in der aktuellen Integrationsdebatte.

Heimat, wer braucht das bei der heutigen Mobilität noch, Herr Maier?
Heimat ist ein sehr schöner, alter Begriff. Aber das, was er beschreibt, gilt unverändert. Heimat darf man nicht auf die Geographie reduzieren. Heimat sind Zugehörigkeit, Sprache, und das Umfeld, in dem ich mich bewege. Das spielt auch bei häufigen Ortswechseln eine Rolle, auch in Zukunft.

Lange Zeit war der Begriff Heimat verpönt.
Ich bin in einem ländlichen Gebiet aufgewachsen, da war die Bezeichnung nie verpönt.

Was verstehen Sie genau unter Heimat?
Der Begriff hat zwei Dimensionen. Zum Einen ist Heimat etwas Unverfügbares. Heimat ist dort, wo ich geboren und aufgewachsen bin. Das kann ich mir nicht aussuchen. Aber Heimat ist auch etwas, was man gestalten kann und sich auch ein Stück weit aneignen kann. Das ist kein Widerspruch. Denn Heimat ist in dieser Hinsicht die Basis für Identität, Heimat ist Zugehörigkeit und Aufgehoben-Sein.

Fehlt es Heimatlosen denn an Identität?
Jeder Mensch hat in dem Sinne eine Heimat – einen Ort, eine Zeit und ein Umfeld, in die er geboren wurde. Manchen Menschen wird die Heimat genommen oder sie geben sie auf. Einige Menschen brauchen die Verwurzelung an einem Ort für ihre Identität nicht. Ich würde nicht sagen, dass ihnen etwas fehlt.

Sollten mehr Menschen ihre Heimat mitgestalten?
Unbedingt. Das ist auch eine wichtige Funktion der Heimat- und Geschichtsvereine. Sie beschäftigen sich nicht nur mit der Vergangenheit, sondern gestalten die Gegenwart und damit auch die Zukunft. Sie setzen sich vielfältig ein, wenn es um das Ortsbild geht, um Gebäude und die Landschaft. Heimat Gestalten hat dann auch etwas mit Heimat-Aneignen zu tun. Wer sich in den Geschichtsvereinen engagiert, sind vielfach nicht die Alteingesessenen, sondern Zugezogene oder früher Heimatvertriebene. Wenn ich von außen komme, sind die Dinge nicht selbstverständlich und dann werde ich neugierig.

Haben die „Heimat“-Filme von Edgar Reitz den Begriff erneuert?
Die Filme haben dem Begriff eine zeitgemäße Bedeutung verliehen. Die Chance im Unterschied zu den 50er und 60er Jahren ist, dass Heimat den ideologischen Gehalt verloren hat. Das zeigen auch diese Filme, denn unter Heimat kann man auch leiden.

Heimat kann auch ausschließend wirken. Sie sagen aber, in den Heimatvereinen treffen sich Einheimische und Zugezogene?
Da sehe ich eine große Chance und Aufgabe für die Vereine. So wie die Geschichts- und Heimatvereine den Vertriebenen eine Tür geöffnet haben, eine neue Heimat zu finden, so stehen sie jetzt in der Aufgabe, in der Migrations- und Integrationsdebatte etwas zu leisten. Ihre Arbeit ist nichts Abgrenzendes.

Der Heimatverein als Stätte für Integration. Ist das realistisch?
Da sehen Sie, wie wichtig ich die Vereine finde. Ich bin Optimist, aber ich halte das für durchaus realistisch. Da sind wir beim großen Feld Ehrenamt und Bürgergesellschaft. Bürger engagieren sich und öffnen sich damit auch.

Wer ist denn im Heimatverein?
Wie in den meisten Vereinen sind es oft Leute, die nicht berufstätig sind, viele Rentner. Das hängt damit zusammen, dass Menschen in einem bestimmten Alter anfangen, sich mehr für Geschichte zu interessieren. Sie gehen in Rente, haben schon Geschichte ein Stück weit selbst miterlebt und wollen mehr wissen.

Haben Heimatvereine ein Nachwuchsproblem?
Manche haben große Schwierigkeiten. Manche schaffen es, Nachwuchs zu begeistern, auch jüngere Leute.

Und was machen die anders?
Viele Vereine setzen stärker auf das Internet, manche haben sogar eigene Wikis (Internetplattform, Anm. d. R.) auf die Beine gestellt. Aber das ist nicht zwingend der Schlüssel, um junge Leute zu erreichen. Zum Teil ist es eine Eigendynamik. Wenn Sie sich mit Mitte zwanzig für Geschichte interessieren, gehen Sie trotzdem selten in einen Verein, in dem die meisten über 70 Jahre alt sind. Wenn der Verein jünger ist, folgen eher jüngere Leute.

Meistens heißt es: Wir müssen die Jugend mehr einbinden.
Natürlich sollten Vereine Jugendarbeit leisten. Aber sie können die Jugend nicht in die Vereine zwingen. Wenn ein Verein viele Eintritte hat von Älteren, sollte er sich über die neuen Mitglieder freuen. Wenn der Verein dann nur jammert, dass er die Jugend nicht gewinnt, hängt etwas schief.

Wie werben denn Heimat- und Geschichtsvereine heute?
Die beste Werbung ist das Angebot: Vorträge, Exkursionen, Zeitschriften.

Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen solchen Aktivitäten und dem Mitgliederzulauf?
Unbedingt. Im Hochtaunuskreis verleiht der Landrat jährlich einen Förderpreis für Geschichts- und Heimatforschung, der meist an Schüler vergeben wird. Der Geschichtsverein Bad Homburg lädt die Gewinner dann oft ein, einen Vortrag zu halten. So zeigt man auch, dass man die Jugendlichen ernst nimmt.

Sie sehen also nicht schwarz für die Zukunft der Heimat- und Geschichtsvereine?
Nein, im Gegenteil. Ich sehe eine ganz wichtige Rolle. Ein Stichwort: Europa der Regionen. Ein funktionierendes Europa ist ein Europa der Heimaten.

Welchen Tipp geben Sie den Vereinen, die Nachwuchsprobleme haben?
Es gibt kein Patentrezept. Menschen haben unterschiedliche Interessen. Auch bei funktionierenden Vereinen gibt es Auf und Ab. Ein Verein steht und fällt mit den Personen. Wenn Engagierte keine Nachfolger finden, ist das traurig. Es bleibt die Hoffnung, dass wieder jemand kommt, der sich für Heimatgeschichte begeistert.

Wo finden die Vereine neue Geschichten, obwohl der Ort immer derselbe bleibt?
Ständig und überall! Forschungsanreize gibt es fast täglich. Wenn eine altes Gebäude abgerissen oder saniert werden soll, dann wollen Sie wissen: Wie alt ist das? Was hat es für eine Geschichte? Und die Blickwinkel ändern sich ständig, Migration ist ein neueres Thema.

Wie viel Einfluss haben Heimat- und Geschichtsvereine heute?
Sie spielen eine Rolle, weil sie sich eines Themas annehmen, das die Menschen bewegt, etwa als Mahner für Denkmalschutz. Selbst wenn ich mich nicht für Geschichte interessiere, ist mir das Stadtbild oft doch wichtig. Vielleicht sind die Vereine auch eine Reaktion auf den Modernisierungseifer der Nachkriegszeit. Sie zeigen, wie wichtig Zugehörigkeit und Kultur sind.

Also doch altmodisch.
Nein, nicht altmodisch. Es gibt den Spruch: 'Nur wenn ich weiß, wo ich herkomme, weiß ich, wo ich hingehen will.' Wenn ich einen Ort gestalten will, muss ich Rücksicht nehmen auf seine Geschichte und auf seine Persönlichkeit. Das einzufordern, ist Aufgabe der Geschichtsvereine.

Interview: Hannah Eitel

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