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Man hätte vor Fresenius demonstrieren müssen

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Von: Andrea Herzig

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Fahnen der Fresenius SE.
Fahnen der Fresenius SE. © dapd

Eigentlich hätte man in Bad Homburg rund um den Equal Pay Day vor Fresenius demonstrieren müssen. Bis eben gerade hat der Konzern keine Frauen in den Aufsichtsrat gewählt und keine Frauen in den Vorstand berufen, so Frauenaktivistin Matthiessen-Kreuder im FR-Interview.

Die Bad Homburger Rechtsanwältin Ursula Matthiessen-Kreuder hat in großen Unternehmen als Personalberaterin gearbeitet. Sie ist aktiv im Deutschen Juristinnenbund. Im Juni 2015 war sie in den Medien, weil sie den Konzern Fresenius hart kritisiert hat, der immer noch keine Frauen in der obersten Führungsebene hatte. Erst vor wenigen Tagen hat das Unternehmen nun angekündigt, insgesamt vier Frauen in die Aufsichtsräte zu berufen.

Heute ist Equal Pay Day. Bei gut ausgebildeten Frauen macht sich der „Pay Gap“, also der Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern bei vergleichbarer Beschäftigung, deutlicher bemerkbar, das belegen Studien. Wie sieht denn es vor allem bei den vielen gut ausgebildeten Frauen in Bad Homburg aus?
Akademikerinnen, die in Bad Homburg leben, haben ihr Studium oft mit sehr guten Abschlüssen beendet, aber spätestens nach der für viele Frauen immer noch wichtigen Familienphase kommt ein Karriereknick. Wenn diese Frauen wieder in den Beruf einsteigen, reduzieren sie ihre und reduziert man ihre Gehaltsvorstellung erheblich.
Leider ist es nicht so einfach, in qualifizierten Berufen für gleiche Arbeit einfach nur gleichen Lohn zu fordern. Die Tätigkeiten für Akademiker unterscheiden sich häufig sehr und es gibt viele Gründe für unterschiedliche Gehälter, auch gerade in Beratungsunternehmen, von denen es in Bad Homburg viele gibt. Am Ende ist es aber immer so: Die Frauen in guten Positionen gehen bis auf wenige Einzelfälle auch in Bad Homburg mit weniger Geld nach Hause als die Männer.

Bad Homburg versteht sich explizit als Gesundheitsstandort. In der Branche überwiegen weibliche Angestellte, aber sie werden schlechter bezahlt als Männer, auch das belegen Untersuchungen. Was kann die Gesellschaft vor Ort dagegen tun?
Der Hebel sitzt im Rollenverständnis. Das Weltbild der Männer und der männerdominierten Unternehmen hat sich noch nicht grundlegend geändert. Ein bisschen was hat sich bewegt, seit fast alle jungen Väter die beiden Vätermonate nehmen, aber weitere gesetzgeberische Initiativen gab es ja bislang nicht. In Bad Homburg leben junge Familien mit den kostenlosen Kindergartenplätze sehr gut. Und viele Frauen haben es sich so in dieser schönen Stadt und in ihren Berufen sehr gut eingerichtet. Von Unzufriedenheit oder Politisierung ist leider nicht viel zu spüren. Und die jungen Frauen, die sich nach Fortschritten sehnen, leben nicht in Bad Homburg, wenn sie noch studieren.

Vor Ort gibt es in diesem Jahr keine Aktivitäten rund um den Equal Pay Day.
Es gibt hier auch keine politische Bewegung für Frauenrechte. Eigentlich hätte man in Bad Homburg vor der Zentrale von Fresenius demonstrieren müssen. Bis eben gerade hat der Konzern keine Frauen in den Aufsichtsrat gewählt und keine Frauen in den Vorstand berufen. Das ist ein trauriges Ergebnis für einen für den Standort Bad Homburg so wichtigen und wirtschaftlich erfolgreichen Konzern.

In der Stadtpolitik überwiegen die Männer, sowohl beim Haupt- als auch beim Ehrenamt.
Das Engagement in der Lokalpolitik ist ein stark vernachlässigtes Tätigkeitsfeld, auch für Männer. Ich kann nur alle Frauen aufrufen, das zu ändern und aktiv zu werden, denn von hier aus, unserer Stadt, ändert sich Gesellschaft und wachsen die wichtigen Themen.

Interview: Andrea Herzig

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