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Zum Niederknien: Ibiza ist die vierte Kuh auf Frank Hammens Oranienhof, die 100 000 Liter Milch gegeben hat.

Wehrheim

Großes Lob für Kuh „Ibiza“ in Wehrheim

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Eigensinn statt Affären: Die „100.000 Liter-Kuh“ ist Teil einer demokratischen Stallgemeinschaft.

Die Geschichte beginnt am 3. Dezember 2005. Unter einer schummrigen Stalllaterne treffen sich zur Tat entschlossene Menschen, um die Geburt einer neuen Generation vorzubereiten. Niemand kann ahnen, welche Wunder von dem auf die Welt drängenden Wesen schließlich vollbracht werden.

Heute ist Ibiza erwachsen, hat sich vom Kälbchen zur alten Wiederkäuerin entwickelt – und wird mit Ehren überhäuft. Als „100 000 Liter-Kuh“ hat sie der Hessische Zuchtverband gerade ausgezeichnet, mit einer rotweißen Schärpe behängt. Ibiza – das wird bei einem Besuch auf dem Oranienhof in Wehrheim deutlich – kümmert der Popularitätszuwachs wenig. In das vom FR-Fotografen inszenierte Rampenlicht drängt sie anfangs partout nicht. Keine Chance, die schwarzweiß Gefleckte an den Strick zu nehmen, auf den ausgerollten Teppich zu geleiten.

„Ein Tier mit Charakter“, sagt Züchter Frank Hammen. Aber auch: „Sehr eigensinnig!“ Eine Eigenschaft, die zugleich „Garant für das hohe Alter“ ist. Schon als junge Kuh habe sich Ibiza innerhalb der Herde sofort Respekt verschafft. Die Oligarchin des Oranienhofs also? „Eitel ist sie jedenfalls nicht, bleibt am liebsten unscheinbar unter Ihresgleichen.“ Mittlerweile ist die Ausgezeichnete das älteste Tier in der 100 Köpfe zählenden Wehrheimer Herde. Über Generationen hat die Familie Velte-Hammen aufgebaut, was heute zirka 28 Liter Milch pro Tag und Euter sprudeln lässt.

Im Hochtaunuskreis mit seiner traditionell starken Agrarstruktur werden noch rund 800 Kühe gemolken. Ein Dutzend Betriebe widmen sich aktuell der Milchviehhaltung. Im Taunus – wie auch in anderen Gebieten Deutschlands – ist der Rückgang milcherzeugender Höfe drastisch. Pro Jahr hören bundesweit sechs Prozent der Kuhzüchter auf. Wegen des herrschenden Preisdrucks kann vielerorts nicht mehr kostendeckend gearbeitet werden.

Gutes, „gentechnikfreies“ Grundfutter ist das eine, die demokratische Stallordnung das andere. „Es gibt keine Sonderbehandlung für einzelne Tiere, auch für die Leistungsträger nicht.“ Das vierbeinige Personal darf auf dem Oranienhof – seit Dezember gehört ein Milchautomat zur Ausstattung – länger leben als in vergleichbaren Betrieben. „Wir hängen an jeder Kuh, lassen auch schwache Phasen zu.“

Ibiza, der Rasse Schwarzbunt angehörig, gebührt schon von der Abstammung her höchste Beachtung. Großmutter „Ironie“, zugekauft nach einem verheerenden Stallbrand, gilt bis heute als züchterischer „Glücksgriff“. Wie Lira, Svenja und die Enkelin hat die Berühmte ebenfalls die „100 000 Liter“-Milchmarke überquert. Gleich ihren Vorgängerinnen wird auch Ibiza (Mutter: Irmi, Vater: Deckbulle Laurenz) das Gnadenbrot bekommen, einen Ehrenplatz im Zuchtbuch. Soweit ist es aber noch lange nicht. Die gerade mit ihrem 13. Kalb gesegnete Vorzeigekuh präsentiert ein „tolles Fundament“ erhebt sich aus liegender Position noch immer „wie eine Feder“. Eckdaten sollen nicht verschwiegen werden: 1,41 Meter Größe von der Hufspitze bis zum Kreuzbein, etwa 650 Kilogramm Körpergewicht. Das Euter entlockt allenthalben fachmännischen Jubel: „Fest angesetzt – eine Klasse für sich!“

Von der Niederkunft erholt sich Ibiza derzeit in der „Transit-Gruppe“, in der sich auch Genossinnen vom Schlage Rotbunte und Braunvieh tummeln. Ruhe ist hier erste Milchviehpflicht, die Tage dürfen in langsamer Gangart verbummelt werden. Nach Fototermin und Begutachtung verschwindet das dunkle Ibiza-Antlitz im entlegenen Hallenwinkel. Ereignisse eines langen Kuhlebens wollen verdaut sein.

Auf ihrer Erdenbahn hat sie drei Bundespräsidenten (die Herren Wulff, Gauck und Steinmeier) überdauert, die Schwiegereltern von Frank Hammen noch bei der Stallarbeit erlebt, sogar die Auflösung der Wehrheimer Weidegenossenschaft hautnah erfahren. Und ihren Namen zuletzt so häufig gehört wie nie zuvor.

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