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Der große Kreislauf

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Von: Andrea Herzig

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Privatantiquar Herbert Römling (links) aus Steinbach freut sich über ein Album mit Filmstars aus aller Welt.
Privatantiquar Herbert Römling (links) aus Steinbach freut sich über ein Album mit Filmstars aus aller Welt. © Michael Schick

An der Adenauerallee in Oberursel treffen sich Flohmarkt-Profis in lockerer Atmosphäre.

Heike Schäfer ist eine routinierte Flohmarktgängerin. An der Adenauerallee hat sie ihre Stammstände, mit großem Hallo wird sich begrüßt, Vorbeilaufende winken. Die Frankfurterin aus dem Dornbusch weiß, wie Flohmarkt funktioniert, der Ehemann ist an diesem Samstag selbst in Höchst als Verkäufer unterwegs. Man darf nicht suchen, man muss finden, erklärt Schäfer bestimmt. Sie findet immer was, bringt Freunden schöne Dinge mit, die andere nicht mehr brauchen. Ihren Fundus an Accessoires, schätzt Schäfer, hat sie sicher zur guten Hälfte von Flohmärkten.

„Es ist ein Kreislauf“, erklärt eine Standbesitzerin aus Oberursel ein paar Meter weiter die Philosophie eines Flohmarkts. Sie zeigt auf eine mittelblau lasierte Auflaufform, die gerade von einer Kundin prüfend gedreht und gewendet wird. „Die ist aus meinem Küchenschrank. Wunderschön, aber sie ist nicht spülmaschinenfest.“ Das könne sie nicht gebrauchen, sagt die Frau. Jemand anderes habe die Zeit zum Handspülen – und nun ein hübsches, günstiges Stück im Besitz.

Flohmarktbeschicker haben naturgemäß keine Wegwerf-Mentalität. So auch ein 64-Jähriger aus Oberursel. Meist habe er Bücher im Sortiment, erklärt der Mann, der früher mal einen Laden in der Innenstadt führte. Diesmal hat er vor allem Werkzeug aus einem Nachlass ausgebreitet. Und ein paar alte Polaroid-Kameras, die bereits alle einen Käufer gefunden haben kurz vor 11 Uhr. Um diese Zeit sind die meisten Sachen-Sucher an der Allee unterwegs.

Das Werkzeug ist ein wildes Sammelsurium: rostige Schraubzwingen, allerlei Zangen, Apparate unerklärlicher Funktion. Doch eher was für den Sperrmüll? Aber nein, erklärt der Standbesitzer. „Sehen Sie, hier bekommen diese vergessenen Dinge noch mal eine neue Richtung.“ Immer wieder stünden Menschen an seinem Stand, die sich freuten, die genau „das Ding“ lange gesucht und nun endlich gefunden zu haben.

Flohmarkt-Liebhaber sind kommunikativ. Das Schwätzchen hat einen großen Anteil am Spaß. So wie bei Georg Stechmann aus Oberursel. „Seit Jahrzehnten“, ist der ältere Herr dabei. Früher mit der vor Jahren verstorbenen Gattin, wie er erzählt, jetzt mit der neuen Freundin, die schüchtern lächelnd noch im Hintergrund steht. Stechmann ist auf vielen Märkten unterwegs. Gern zählt er deren Besonderheiten auf: Was wo am besten zu verkaufen ist (Taschen in Königstein), und wo die Leute besonders freundlich sind (Friedrichsdorf).

Sein Angebot sammelt Stechmann aus Nachlässen, Freunde und Nachbarn bringen Sachen vorbei oder er kauft Ware mit Fehlern auf und repariert sie selbst zu Hause. Eine helle Kunstledertasche hat er gerade verkauft, die Kundin strahlt. Nur zwölf Euro, sie feilscht nicht, das Stück sieht neuwertig aus.

Klar kann man mit Stechmann handeln, doch bei manchen Preisvorschlägen schüttelt der freundliche Mann entschieden den Kopf. Die Feilscherei sei merklich härter geworden, merkt er an. Aber einen kleinen Profit möchte er für das frühe Aufstehen um dreiviertel Vier ja auch haben. Ab morgens um sieben stehen die Stände, im Winter ist das wenig Spaß.

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