1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Hochtaunus

"Die Gewalt nimmt zu"

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Harald Hollstein
Harald Hollstein © rolf oeser

Polizeichef Harald Hollstein geht in den Ruhestand. Im FR-Interview blickt er auf seine fast 40 Jahre in Bad Homburg zurück.

Wie war die Polizei vor 42 Jahren?
Vollkommen anders als heute. Damals fing ich bei der Stadtpolizei in Bad Homburg an, da mussten wir noch regelmäßig Fußstreife laufen. Wir konnten Täter oft direkt bei der Tat erwischen. Das war toll. Auf der anderen Seite wurde ich als junger Mann oft ins kalte Wasser geworfen. Mit 21 Jahren und ohne Psychologiestudium musste ich meine erste Todesnachrichten überbringen.

Wie kamen Sie selbst damit zurecht?
Das war immer schwer. Die Reaktionen der Angehörigen belasten einen sehr. Manche schreien, andere weinen, einige schimpfen. Nachdem ich das erste Mal die Nachricht überbracht hatte, konnte ich später in der Kantine nichts essen.

Welcher Fall ist Ihnen noch im Gedächtnis geblieben?
Als Dienstgruppenleiter hatte ich einmal einen kuriosen Fall. Ein Mann kam in unsere Dienststelle und sagte, er habe die Todesanzeige seines Bruders in der Zeitung gefunden, datiert auf den 1. April. Wir hielten es zunächst für einen Aprilscherz, aber als wir die Wohnung aufmachten, hing seine Leiche hinter der Tür.


Was war ein positives Erlebnis?
Seltsamerweise der Anschlag auf Alfred Herrhausen 1989. Da ging mir das Adrenalin bis zur Decke. Obwohl wir das Attentat nicht verhindern konnten, habe ich bei diesem Fall für meine Fahndungsmaßnahmen nur positive Rückmeldungen bekommen. Heute haben wir dafür viel bessere Konzepte. Mit meinem heutigen Wissen wäre das damals wohl nicht passiert.

Gab es auch positive Fälle mit positivem Ausgang?
Einmal konnte ich mit meinen Kollegen eine Raubserie zwischen Bad Homburg und Oberursel beenden. Meine operative Einheit grub sich nachts im Boden ein oder wartete auf Bäumen. Ich sah dann eine Gruppe Menschen mit Kapuzen herumlaufen und hatte irgendwie im Gefühl, dass es die Diebe waren. Als wir sie stellten, leisteten sie keinen Widerstand und gaben später alles zu.

Glauben Sie, dass die kriminelle Gewalt heute eine andere Qualität hat als früher?
Das glaube ich schon. Früher haben Gewalttäter nur zur Show ihre Muskeln gezeigt, aber nie zugeschlagen. Heute versuchen sie eher, gezielt Polizisten zu treffen. Deshalb lernen Polizisten in der Ausbildung heute Kampfsportarten wie Jiu Jitsu.

Immer mehr Frauen kommen zur Polizei. Wie haben Sie den Wandel erlebt?
Zuerst dachten wir alle, das kann nicht gut gehen. Besonders auf der Streife hatten wir Zweifel. Es hat aber alles überraschend gut geklappt. Frauen können genauso zupacken wie Männer. Leider dauert es noch immer lange, bis wir Ersatz bekommen, wenn eine Frau in Schwangerschaftsurlaub geht. Ich wünsche mir, dass die Politik das endlich ändert.

Was wird sich für Sie vom 16. September an ändern?
Ich werde endlich Zeit haben, um aufmerksam die Zeitung zu lesen.

Interview Desirée Brenner

Auch interessant

Kommentare