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Georg Kreisler, der freundliche Vergifter

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Georg Kreislers  Lied "Tauben vergiften" ist weltbekannt.
Georg Kreislers Lied "Tauben vergiften" ist weltbekannt. © FR/Storch

Georg Kreisler nimmt in Bad Homburg den Hölderlin-Literaturpreis entgegen - und setzt dabei auch eine Spitze gegen Marcel Reich-Ranicki. Von Martina Propson-Hauck

Von Martina Propson-Hauck

Es ist so erstaunlich wie erfreulich. Da schafft es der mittlerweile 88 Jahre alte Herr kaum noch die Stufen hinauf auf die Bühne des Kurtheaters, wo er gleich Urkunde und Hölderlin-Plakette entgegennehmen wird. So ist das eben, wenn man auf die 90 zugeht, denkt der Zuschauer. Es ist schön, dass der in seinem Leben kaum Geehrte diese Würdigung in Bad Homburg nun endlich entgegennehmen kann. Dann klicken die Kameras, zucken die Blitzlichter.

"Erst mal was trinken", sagt der Mann mit den überdimensionalen Brillengläsern, stoisch und ungerührt. Strafft sich und setzt an. Zu einer brillianten wie humorvollen und ziemlich bösen Stichelei über eben den Initiator dieses Hölderlin-Literaturpreises, Marcel Reich-Ranicki. Was dieser über Hölderlin geschrieben hat, gefällt Kreisler ganz und gar nicht.

"Wohlmeinende Freunde werden mich ermahnen, lass´ doch diesen alten Mann in Ruhe", sagt der nicht mehr ganz junge Kreisler über den 90-jährigen Kritikerpapst und hat ein juchzendes Publikum auf seiner Seite. Wie er das macht, mit Charme und Eleganz, mit nadelfeinen Stichen und plumpem Holzhammer hätte vermutlich auch R.-R. erfreut. Der hat allerdings noch nie ein Wort über Kreisler geschrieben. Was den offenbar doch ein wenig wurmt. "Er hat gesagt, er lese keine jungen Autoren, vielleicht bin ich ihm zu jung", piekst der auf einmal wieder jung erscheinende Preisträger weiter, bevor er zu philosophischen Überlegungen ansetzt und Verbindungen zwischen sich und Hölderlin zieht.

Fremd fühlten sich beide in ihrer Zeit, wenn auch aus ganz unterschiedlichen Motiven. Der 1922 in Wien geborene Jude Kreisler musste mit 16 Jahren vor den Nationalsozialisten ins amerikanische Exil fliehen, während Hölderlin nach seiner Liebesflucht aus Frankfurt im Bad Homburger Schloss wenigstens Arbeit und bei Sinclair Unterkunft und Brot fand, schlug sich Kreisler als Kabarettist und Liedermacher durchs Emigrantenleben, obwohl er doch lieber als Lyriker und Theaterautor bekannt werden wollte.

Laudatorin Eva Menasse stellte den "störrischen Jubilar" Kreisler vor, als einen, dessen bitterer Witz immer zu früh für seine Zeit kam. Ein ewiger Emigrant, erst im Exil, nach seiner Rückkehr nach Wien eingesperrt in "die Schublade schwarzer Humor". Dabei sei Kreisler "kein lustiger, sondern ein tieftrauriger Künstler", ein "stolzer Perfektionist", ein "Übertreibungskünstler". Einer, der nie als Kabarettist und Liedermacher gelten wollte, dessen Lieder aber den höchsten Bekanntheitsgrad erlangt haben. Viel mehr etwa als das nahezu unbekannte Theaterstück "Sodom und Andorra", das den latenten Antisemitismus in Max Frischs "Andorra" parodierend erst zutage fördere.

Die Pianistin Sherri Jones brachte bislang unbekannte Klavierstücke des Komponisten Kreisler aus den 50er Jahren im Kurtheater zur viel beklatschten Uraufführung. Stehende Ovationen brachte das Bad Homburger Publikum dem Preisträger dar, der lakonisch bemerkte: "Der Mensch ändert sich in seinem Wesen so wenig wie ein Dackel." Sprach´s, nahm den dargebotenen Arm und stieg die Treppe wieder mühsam hinab. Eine halbe Stunde lang war er woanders gewesen: "Der Hölderlinpreis", so bemerkte er, "ist eine liebliche Insel".

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