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In Generationen denken

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Revierförster Brand an einem seiner vielen Einsatzorte, dem Wald.
Revierförster Brand an einem seiner vielen Einsatzorte, dem Wald. © Rolf Oeser

Mathias Brand ist Revierförster im 750 Hektar großen Stadtwald von Oberursel. Ein Traumjob? Ja, auch wenn für den Wald gar nicht so viele Stunden bleiben.

Von Jürgen Streicher

Wenn man meine Arbeit nicht sieht, läuft es am besten“, sagt Revierförster Mathias Brand. Der Wald arbeitet in anderen Zeitdimensionen. Viel langsamer als der digitalisierte Mensch. Kleinere Veränderungen sind schon mal nach drei, vier Jahren sichtbar, andere werden in 80 bis 100 Jahren realisiert. „Man braucht eine Menge Vorstellungskraft“, sagt der Förster. Er muss in Generationen denken, die Vollendung seiner Idee werden andere erleben.

Mathias Brand nimmt das gelassen. In Lederhosen und leichten Bergschuhen, mit Fleece-Weste, Hut und Hemd im klassischen Förstergrün streift er mit Hund Racos durch das Gelände zwischen Schulwald und Uhlandsruhe am Roten Born. Nicht weit entfernt liegt ein besonderes Stück Wald, das er gerne zeigt. Windwurffläche vor ein paar Jahren, da hat er einfach mal die Natur machen lassen. Junge Kastanien, Eichen, Buchen, Fichten, Lärchen – verschiedene Baumarten in unterschiedlichen Höhenklassen und auf dem Boden alles, „was der liebe Gott uns geschenkt hat“.

Ein Mini-Dschungel mit Ilex und Brennnessel, Baum, Strauch und Blume – und jeder Menge Käfer und anderem Kleingetier. „Wir müssen Wald wertvoller machen, ökologisch und wirtschaftlich“, sagt der gelernte Waldarbeiter aus Königstein, der den Taunus von Kindheit an kennt.

Rund 750 Hektar Stadtwald umfasst Brands Revier. Die größten Flächen liegen westlich der Kanonenstraße Richtung Sandplacken, vom Altkönig und den Hünerbergwiesen bis hinunter ins Käsbachtal bei Stierstadt. Eine kleine Enklave auf der anderen Seite zwischen Waldfriedhof Oberstedten und dem Forellengut gehört auch dazu.

Fast alles ist Schutzwald, die Nutzung als Erholungswald soll so sein, dass Mensch und Natur nachhaltig profitieren. Zwei Seiten Wald. Der Förster als Naturschützer muss auch Wirtschafter sein, die schwarze Null als Ziel gibt die Stadt Oberursel als Brands Arbeitgeber vor. Aber nicht durch Kahlschlag-Philosophie wie in früheren Zeiten, der Erholungsaspekt und ökologisches Wirtschaften stehen im Vordergrund.

Naturnah gewirtschaftet

Natürlich wird gefällt und verkauft. Das ist Aufgabe des Försters. Die Forstwirtschaft ist aus der Landwirtschaft entstanden. Wie man sie betreibt, ist die entscheidende Frage. In der „Abteilung 28“ sind Fichten mit Signalfarben markiert. Sie sind reif für die Motorsäge, die Nachbarn brauchen Luft und Licht, das Neue muss von unten nachwachsen können. „Lenken und begleiten, ein bisschen gestalten“, nennt das Mathias Brand. Da bleibt auch mal eine morsche Fichte stehen. Sie bringt kein Geld im Verkauf, ist aber Lebensraum für 800 Käfer im zerfressenen Stamm. Seit 30 Jahren wird im Oberurseler Stadtwald naturnah gewirtschaftet.

Als Brands Vorgänger Jörg Schultz Ende 2008 ausstieg und das Land die Beförsterung des Waldes für die Kommunen freigab, stieg Brand ein. Forstwirtschaft hatte er in Weihenstephan studiert. 1997 kam er zurück in den Taunus, übernahm zwei Jahre später die Grünflächen-Abteilung in Oberursel. Kümmerte sich um Parkanlagen und Sportplätze, Bäche und Friedhöfe und hatte die Oberaufsicht über das sogenannte Straßenbegleitgrün. Mit 42 Jahren dann Revierförster, der Wunschjob für den dreifachen Familienvater.

Ein Traumjob? Ja, auch wenn für den Wald gar nicht so viele Stunden bleiben, wie der Spaziergänger denken mag, wenn er dem Förster mit Hund begegnet. Die Verwaltung der städtischen Friedhöfe ist Aufgabe geblieben, für den Forst bleibt die halbe Arbeitszeit. Im Büro muss er den Holzverkauf kalkulieren. Seine Stellungnahmen sind bei vielen Bauprojekten gefordert, mit zwei Waldarbeitern muss er die Arbeit im städtischen Forst bewältigen. Vielleicht zehn Stunden pro Woche bleiben für den Wald.

„Mein Wald.“ Einmal rutscht es ihm raus. Der Stolz über das, was Brand bewirken darf, ist zu spüren. Und die Freude, es zu teilen. Etwa mit der Familie, die ihn bat, einen bereits zum Fällen markierten Baum zu verschonen. Weil dieser seit Generationen so eine Art Liebesschwur-Baum für sie sei. Der Baum steht noch.

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