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Ein Gebet vor der Applauskurve

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Von: Götz Nawroth-Rapp

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Biker auf dem Weg zur Andacht.
Biker auf dem Weg zur Andacht. © Michael Schick

Der Biker-Gottesdienst in der Kirche St. Hedwig stößt auf große Resonanz. Der Ort für den Gottesdienst ist nicht von ungefähr gewählt: Als „letzte Kirche vor dem Feldberg“ bezeichnet sich die Gemeinde St. Hedwig.

Die Sonne ist endlich da, die Temperaturen steigen. Und am Großen Feldberg ist deutlich hörbar: Die Motorrad-Saison läuft. Beim 4. Ökumenischen Biker-Gottesdienst wurde am Sonntag in der Kirche St. Hedwig im Norden Oberursels daran erinnert, dass nicht alle Touren ein glückliches Ende nehmen. Norbert Radgen, der Gottesdienstbeauftragte der katholischen Kirche, und die evangelische Pfarrerin Cornelia Synek von der Heilig-Geist-Gemeinde führten durch die Open-Air-Veranstaltung. Für die passende musikalische Untermalung sorgte die Usinger Band „The Sign“.

Im Jahr 2015 starb rechnerisch jede Woche ein Motorradfahrer auf einer Straße in Hessen. „Haben wir je Gott dafür gedankt, heil nach Hause zu kommen?“, fragte Radgen. Es solle Anspruch der Biker und aller Verkehrsteilnehmer sein, „ein bisschen Frieden auf die Straße zu bringen“, anstatt ständig nur gegeneinander zu fahren.

Pfarrerin Synek erinnerte sich, wie sie vor Jahrzehnten Sozia war auf einer Tour durch den Mittelmeerraum. Von Genua ging es seinerzeit auf einer vierzylindrigen Honda die ligurische Küste entlang nach Marseille. „Als Motorradfahrer genießt man das Leben auf eine ganz besondere Weise“, betonte Synek. Man spürt eben die kühle Luft, ist der Straße und der Umgebung näher als in einem vollklimatisierten Wagen. Die Motorradfahrer nicken und lachen. Dann wird es still, als Cornelia Synek um eine unfallfreie Zeit bittet.

„Wir fahren defensiv“

Der Ort für den Gottesdienst ist nicht von ungefähr gewählt: Als „letzte Kirche vor dem Feldberg“ bezeichnet sich die Gemeinde St. Hedwig. Für die meisten derer, die hier innehalten, geht es später noch auf die Tour in der Sonne, von der „Applauskurve“ zum Sandplacken. Auf dann geweihten Maschinen, die Norbert Radgen eigenhändig segnet.

Zur Andacht gekommen sind neben vielen anderen Tourenfahrern auch Gabi Seidl-Jerschabek und ihr Ehemann Falko. Die beiden Bommersheimer tragen, klar, Lederjacke. Ihre schweren Harleys, deren schwarzer Lack in der Sonne glänzt, sind echte Hingucker unter den 37 Motorrädern, die an der Kirche abgestellt sind. Spiritualität sei ihr sehr wichtig, sagt sie.

„Vor jeder Ausfahrt checkt mein Mann, dass technisch alles in Ordnung ist. Und ich, dass wir geerdet sind.“ Wenn sie gemeinsam über die Straßen mit der Fatboy und der Softtail Deluxe Custom cruisen, dann brennt zuhause dabei eine Kerze. Darauf legt sie Wert. Sie gebe sich Mühe, sagt Seidl-Jerschabek, die bestehenden Vorurteile über Motorradfahrer als wagemutige Verkehrsrüpel nicht zu bestätigen. „Wir fahren defensiv.“ Man müsse sich in jedem Augenblick bewusst sein, dass schon der kleinste Fehler auf dem Motorrad gravierende Folgen haben könne.

Nach der Andacht stehen die Biker noch in kleinen Grüppchen beisammen, bedienen sich am Buffet bei Kaffee und Kuchen und scherzen. Dann wird es laut, als die ersten die Motoren anlassen, um zu ihrer Tour aufzubrechen.

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