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Frühstück unter Protest

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Von: Olaf Velte

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Nachdenklich: Mindestlohn für knochenharte Arbeit?
Nachdenklich: Mindestlohn für knochenharte Arbeit? © Rolf Oeser

Die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) stimmt die Arbeiter an der Bahnhof-Baustelle in Oberursel mit einem Frühstück auf den Tarifkampf ein.

Radlader, Container, aufgehäufter Sand, Material aller Art. Dazwischen Menschen, die signalfarbene Westen und Helme tragen, dauernd in Bewegung sind. Rund um den Oberurseler Bahnhof, das ist unübersehbar, wird gebaut. Wie lange noch? Die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) ist bereit zum Arbeitskampf.

Für eine knappe Stunde ruhte am Freitagmorgen die Arbeit. Am Rande der großen Baustelle offerieren Gewerkschaftsvertreter den Arbeitern ein Frühstück. Neben Kaffee, Brötchen und Brühwurst gibt es auch einen Zwischenbericht zu den laufenden Tarifverhandlungen. Die dritte Verhandlungsrunde sei ohne Ergebnis abgebrochen worden, sagt BAU-Sekretär Johannes Schader. Als vorläufig letztes Arbeitgeber-Angebot stehe eine Lohnerhöhung um 2,5 Prozent im Raum: „Schlechter Stil.“ Die Gewerkschaftler fordern 5,9 Prozent mehr Geld.

Die zwei Dutzend Bauarbeiter nutzen dankbar die Gunst der Stunde, sitzen essend und rauchend an den bereitgestellten Tischen. Einer hat eine Metalltröte neben sich liegen – zum Einsatz kommt sie heute nicht. Auch werden keine Spruchbänder in die Luft gereckt oder Forderungen lauthals verkündet. „So weit sind wir noch nicht“, sagt Schader, „noch herrscht Friedenspflicht.“ Am Bahnhof der Hessentagsstadt sind die Firmen Bratengeier und Leonhard Weiss zugange – unter Zeitdruck wird an Bahnsteigen und Gebäudeteilen geschuftet.

Der monatliche Nettoverdienst eines Facharbeiters, der nach Tarif bezahlt wird, liege durchschnittlich bei 2000 Euro. Dies sei aber längst nicht die Regel. „Viele der 700 000 Beschäftigten in Deutschland werden mit dem Mindestlohn abgespeist.“ Und der betrage etwa zwölf Euro brutto. Schrader: „Die Arbeitgeber wollen diese Grenze abschaffen.“

In den kommenden Tagen sollen Schlichtungsversuche gestartet werden – schlagen sie fehl, plädiert die IG BAU für Streik. Es gebe derzeit einen Boom im Bauhandwerk, von dem die Arbeiter nicht profitieren würden. „Die harte Arbeit muss ordentlich bezahlt werden.“ Kaum einer der Leute, die ein Lebtag auf dem Bau waren, erreiche das reguläre Rentenalter – „die Knochen machen ab 55 nicht mehr mit“. Die Männer an den Tischen hören und nicken. Während die S-Bahnen ein- und ausfahren, nehmen sie einen letzten Schluck und rüsten zum Aufbruch. Wenige Minuten später, und auf der Baustelle ist wieder alles in Bewegung.

„Wir kommen wieder und werden noch eine Schippe drauflegen“, sagt Branchensekretär Schader mit Blick über das im Umbruch befindliche Areal.

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