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Auch auf dem Brühlhof in Sulzbach fließt frische Milch in die Flaschen der Selbstabholer.

Direktvermarktung

Im Hochtaunus gibt es frische Milch aus dem Automaten

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Die Nachfrage nach frischer Milch aus dem Automaten nimmt stetig zu. Die Bauern erzielen durch die Direktvermarktung bessere Preise.

Ein Samstagnachmittag am Ortsrand von Wehrheim. Weit schweift der Blick bis zur Horizontlinie, sanft gluckst ein Liter Milch ins Flaschenglas. Unter einem Ahornbaum steht seit kurzem eine Holzhütte mitsamt „Brunimat“. Übermannshoch und von silbriger Kontur präsentiert sich der Automat für die tägliche Rohmilch-Versorgung.

Innerhalb weniger Tage hat sich das von der Familie Velte-Hammen betriebene Gerät zum beliebten Treffpunkt entwickelt. Auch heute ist die Kundenfrequenz bemerkenswert, der Milchvorrat fast leergezapft. Eine Nachfrage, die auch Landwirt Frank Hammen überrascht: „Die Leute kommen aus dem ganzen Usinger Land – sogar um Mitternacht wird noch Frischmilch geholt.“ Nach dem morgendlichen Melken der 100 Kühe bleiben 80 Liter für die werktägliche Direktvermarktung, am Samstag und Sonntag reichen die eingefüllten 120 Liter kaum aus. Nichts wird verschwiegen: „Fett 4,2 Prozent, Eiweiß 3,6 Prozent“.

Auch andernorts hat sich die euterfrische Selbstabholer-Strategie bestens etabliert. Multikulturell, so Manfred Uhrig vom Brühlhof in Sulzbach, sei die hiesige Zielgruppe. Die Kundschaft stamme aus Frankfurt, Offenbach, dem gesamten Umland. „Wir gewinnen permanent neue Abholer.“ Was die Uhrig-Kühe spenden, wird besonders zur Zeit des Ramadan abends und nachts ausgeschenkt.

Geschenkt gibt es die weiße Kostbarkeit jedoch keineswegs: Auf den fünf im Ballungsraum beheimateten Bauernhöfen mit Automatenversorgung hat sich ein Literpreis von einem Euro eingependelt. Mit Blick auf die Wertschöpfung durchaus „angemessen“ – immerhin zahlen die Molkereien einen aktuellen Litergrundpreis von 32 Cent. Dass immer mehr Züchter ihre Milcherzeugung einstellen, ist nicht selten einem ruinösen Preisdruck auf das Grundnahrungsmittel geschuldet.

Seit 2016 ist die Jügesheimer „Milchtankstelle“ von Svenja Löw in Betrieb. Mit den täglichen 60 Litern werden „Jung und Alt“ versorgt. „Neben Stammkunden“, so die Rinderhalterin, „stellt sich auch Laufkundschaft ein.“ Eine Klientel, die den Raum Offenbach, Seligenstadt, Hanau bewohnt. Neben dem Milchspender unterhält der Löw-Hof einen weiteren Automaten, der mit regionalen Produkten wie Eiern, Käse oder Wurst bestückt ist.

Wer die auf unter vier Grad gekühlte und durch ständiges Rühren bewegte Kuhmilch beim Erzeuger zapfen möchte, kann auch zum Erlenhof in Friedrichsdorf-Burgholzhausen oder zur Familie Lenhardt nach Dreieich-Götzenhain kommen. Nicht überall sind leere Flaschen vorrätig – doch gilt, was auf Schildern zu lesen ist: „Rohmilch vor dem Verzehr abkochen“.

Dass die Direktvermarktung auf steigende Akzeptanz trifft, wird vom Amt für den ländlichen Raum in Bad Homburg bestätigt. Zuständig für die agrarischen Belange im Großraum Frankfurt, gewinnen dessen Angebote („Einkaufserlebnisse auf dem Bauernhof“) an Stellenwert. Mittlerweile können sich die Erzeugnisse von 187 Landwirten finden lassen.

Für Frank Hammen vom Oranienhof war die Automaten-Platzierung eine „ziemliche Investition“ – aber auch „in die Zukunft gedacht“. Komplettiert wird das Ensemble unterm Ahorn von Flaschenapparat und Parkbucht. Was in „enger Abstimmung“ mit Veterinäramt und Lebensmittelüberwachung – „Hygiene ist das A und O“ – entstanden ist, hat Potenzial zum neuen Stelldichein. Es ist Samstagnachmittag – und unterm lebhaften Austausch der Generationen füllt sich Flasche um Flasche mit kühlem Trunk.

Einkaufen beim Bauern in Hessen - Ein Überblick

Milchautomaten finden sich in Friedrichsdorf-Burgholzhausen (Erlenhof, Mainzer Straße 36), Wehrheim (Oranienhof, Langwiesenweg), Sulzbach (Brühlhof, Im Brühl 13), Dreieich-Götzenhain (Hofladen Lenhardt, Am Kirchborn 10) und Rodgau-Jügesheim (Löw’s Milchtankstelle, Ostweiler 1). 

Hessenweit sind derzeit 46 Zapfstationen für Rohmilch verfügbar. Eine Übersicht bietet die Website www.milchhessen.de. Dort sind auch die Mitgliedsbetriebe der in fünf Etappen gegliederten Hessischen Milch- und Käsestraße aufgelistet. Die Palette reicht von Direktvermarktung über Käsereien bis zur Gastronomie. 

Die regional erzeugten Angebote in den Landkreisen Hochtaunus, Main-Taunus, Offenbach sowie in den Städten Frankfurt und Offenbach bündelt das in Bad Homburg angesiedelte Amt für den ländlichen Raum unter www.land-partie.de

Eine über 60 Seiten starke Broschüre liefert einen Überblick zu Bauernläden, Wochenmärkten, Erlebnis- und Lern-höfen. Kontakt: alr@hochtaunuskreis.de. 

In Deutschland nehmen die Rinderbestände kontinuierlich ab. Aktuell erfasst sind 4,1 Millionen Milchkühe – was einem Schwund gegenüber dem Vorjahr um 2,3 Prozent entspricht. Um mehr als vier Prozent haben sich die milcherzeugenden Betriebe verringert. Im Hochtaunuskreis gibt es derzeit nur noch neun Milchviehhalter. 

Regionale Erzeugnisse und hessisches Landleben stehen im Blickpunkt bei „Land & Genuss“, einer vom 22. bis zum 24. Februar stattfindenden Messe in Frankfurt. 350 Aussteller sind angekündigt. ov

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