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An der steinernen Wand

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Von: Olaf Velte

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Hier wurde früher mit reiner Muskelkraft gearbeitet, heute erledigen dies gewaltige Maschinen.
Hier wurde früher mit reiner Muskelkraft gearbeitet, heute erledigen dies gewaltige Maschinen. © Rolf Oeser

Das Quarzit-Werk Saalburg, das größte Europas, dehnt sich aus. Da es so ergiebig ist, sollen in den kommenden fünfzig Jahren weitere zehn Hektar abgebaut werden. Auch die Baumeister des rekonstruierten Römerkastells Saalburg holten sich einst ihren Werkstoff daher.

Es braucht keine Überredungskunst. Was sich nach der letzten Kehre den Augen darbietet, lässt den Atem stocken, will still genossen werden. Ein Panorama, das in der gesamten Region einzigartig ist. Sebastian Hajduczek weiß um den gewaltigen Effekt, den sein Arbeitsplatz auf Besucher ausübt. Der Betriebsleiter des Quarzit-Werks Saalburg stellt den Motor seines Geländewagens ab.

Sohle Null ist unser Standort. Gegenüber türmt sich eine Wand auf 150 Meter imposant in die Höhe, elf Terrassen schieben sich in den Berg, leuchten hell vor Waldsaum und Wolkenhimmel. „Bei Sonneneinstrahlung wirst du schneeblind“, sagt Hajduczek. Dunkle Brillen gehören folgerichtig zur Standardausrüstung der zwei Dutzend Beschäftigten. Unentwegt rollen hier die Radlader und Schwerlast-Lastwagen, graben sich Hydraulikbagger durch ein steinernes Meer. Fünftausend Tonnen Material werden Tag für Tag bewegt. Von einem „sehr ergiebigen Bruch“ spricht Thilo Orgis, der als Manager der Cemex Kies & Splitt GmbH für die hiesige Region zuständig ist.

So ergiebig, dass in den kommenden fünfzig Jahren weitere zehn Hektar abgebaut werden sollen. Das Genehmigungsverfahren zog sich über ein Jahrzehnt hin, bald soll der Pachtvertrag mit der Stadt Friedrichsdorf verlängert werden. Ein Umstand, der von Bürgermeister Horst Burghardt (Grüne) gerne zur Kenntnis genommen wird: „Es ist gut, wenn das Werk bestehen bleibt.“ Schon seit über hundert Jahren profitiert die Kommune von dem in der Waldgemarkung Köppern gelegenen Tagebau. Pachteinnahmen und eine Beteiligung pro Tonne polstern den Stadtsäckel.

Auch die Bundeswehr hat keine Bedenken gegen die näher rückenden Arbeiten im Distrikt „Steinerne Wand“. Als Betreiber des wenige Kilometer entfernten Munitionsdepots fürchtete man dort die wöchentlichen Sprengungen. Immerhin sind empfindliche Dinge eingebunkert. Messungen wurden durchgeführt, Zustimmungen erteilt. Lärm- und Staubgutachten bescheinigen ebenfalls akzeptable Werte. Die Zeiten, in denen jede Sprengung von Bewohnern der umliegenden Dörfer wahrgenommen wurde, sind längst vorbei.

Maschinen wirken wie Spielzeuge

Sebastian Hajduczek, der 1995 als Quereinsteiger in der betriebseigenen Schlosserei erste Bergwerksluft schnupperte, stoppt den Wagen auf der Kammhöhe. In schwindelerregender Tiefe verliert sich das Sohlensystem, die Maschinen wirken klein wie Spielzeuge. Weit schweift der Blick über die Wipfel der umliegenden Taunuswälder. Hier oben werden die Rodungsarbeiten für den ersten Erweiterungsschritt beginnen – ein Streifen von 30 Meter Breite, der sieben Jahre vorhalten soll. Wer Baumbestand niederlegt, der muss aufforsten. Dies gilt auch hier. „In der näheren Umgebung ist es schwer, geeignete Aufforstungsflächen zu finden“, sagt Orgis. Derzeit pflanze man neu in Nieder-Mörlen und Langenselbold.

Überhaupt spielen Natur- und Tierschutz eine wichtige Rolle im Gelände des sagenumwobenen „Bimstein“. Regelmäßig sei ein Biologe vor Ort. Der alte, vier Hektar große Steinbruch ist bereits rückverfüllt, teilweise rekultiviert. Ein Tunnel für Fledermäuse wurde angelegt – angeblich ist auch der Uhu ein heimlicher Gast im Revier. „In den Tümpeln am Rande der Sohlen haben sich Kreuzkröte und Kamm-Molch angesiedelt.“ Im Managementplan „Umwelt und Biodiversität“ des Betreibers Cemex ist mit Bezug auf das Kieswerk Saalburg von „Sicherung und Neuanlage von Laichgewässern“ die Rede.

Der vormals unter dem Namen „Taunus-Quarzit-Werk“ bekannte Betrieb ist heute Teil des in Mexiko beheimateten Weltkonzerns Cemex und die größte Abbaustätte für Quarzit in Europa. Was sich wie eine Wunde in die Landschaft gefressen hat, bietet einen faszinierenden Blick auf das Skelett des Taunuskörpers. Hier, an der Nordseite des Erlenbachtals und in unmittelbarer Nachbarschaft der Landgemeinde Wehrheim, war in Urzeiten ein Sandstrand, der sich unter hohem Druck zu einem sehr harten und fast weißen Gestein entwickelt hat. „Farbe und Festigkeit“, so Thilo Orgis, „sind das Plus dieses Materials.“ Ein gesuchter Rohstoff für den Straßenbau: Zur Produktpalette, die 16 Sorten auflistet, gehört beispielsweise der „5/8 Millimeter Aufheller“ – ein Edelsplitt, der als oberste Straßendecke die sogenannte Verschleißschicht bildet. Das gefragte Gut wird seit Ende der 1990er Jahre von Lastwagen geholt – täglich fahren etwa 200 Transporter über die Waage. Enorme Gewichte werden durch die verschiedenen Brecher geschickt: Die Jahresproduktion liegt derzeit bei 1,3 Millionen Tonnen.

Vor dem Abtransport müssen die Wagen „abgeplant“ werden und eine Reifenwaschanlage passieren – Reaktion auf verschmutzte Straßen und Staubbelastungen, die vor Jahren für Diskussionen sorgten. Im Angesicht des gewaltigen Vorbrechers hat die Frage nach mehr oder weniger Staub keine Bedeutung. Jeder Winkel ist weiß bestäubt, das dumpfe Grollen der Maschine übertönt alles. Mannsgroße Brocken poltern in den Schlund, zerbrechen unter Funkensprühen. Hajduczek, der per Funkgerät ständig mit jedem Mitarbeiter verbunden und über alle Vorgänge informiert ist, sieht es mit Wohlwollen. 18 Jahre Bruch haben ihn nicht gebrochen. Obwohl kaum etwas ohne großen Planungsaufwand funktioniert, will er das Metier nicht missen: „Da hängt viel Persönliches mit drin.“

Ein schicksalsträchtiger Ort, fürwahr. Zeugnis vergangener Bergbau-Zeiten ist das leerstehende Betriebsleiterhaus nahe den heute genutzten Bürocontainern. Es soll abgerissen werden. Bereits verschwunden ist das Kantinengebäude, in dem die Wehrheimer Familie Werner während der 1960er Jahre eine öffentliche Gastronomie betrieb. Jahre, in denen das „Kommando“ – ältere Strafgefangene aus dem Zuchthaus Butzbach – zum Quarzit-Abbau eingesetzt wurde.

Einen eigenen Gleisanschluss

Muskelkraft hielt den im März 1901 aufgenommenen Betrieb lange aufrecht. Bis zu 200 Männer bevölkerten ein Areal, das sich stetig vergrößerte. Wo heute Lastwagen rumoren, schepperten damals die zerbeulten Loren der Werksbahn. Ausgehend vom Bahnhof Saalburg hatte das Werk einen eigenen Gleisanschluss – und war stets einer der größten Güterkunden der Taunusbahn. Florierende Geschäfte erfreuten nicht nur den Bad Homburger Firmenbesitzer Ernst Bähr, auch die Gemeinde Köppern galt wegen der Pachteinnahmen als wohlhabendes Dorf.

1928 wurde ein zweites Schotterwerk – das mittlerweile Naturschutzgebiet ist – im nahe gelegenen Rosbach eingerichtet. Mit dem Zweiten Weltkrieg kamen zwangsverschleppte russische Zivilisten in den Taunuswald. Nur samstagnachmittags durften sie den Bruch verlassen, um sich in Wehrheim beim „Saafe-Julius“ rasieren zu lassen. Nicht selten tauschten die Männer dort selbst geflochtene Körbe gegen Lebensmittel. Nach Kriegsende gab es für die Entwurzelten keine Rückkehr in die Heimat – Stalins Politik bedeutete Lebensgefahr. Nur einer der Unglücklichen soll sein Tagwerk im Quarzit fortgesetzt haben.

Mit dem Verkauf von Bähr an die Readymix Baustoffgruppe im Jahre 1989 ging eine Ära zu Ende. Der pickelfeste Quarzit aber bleibt: Auch die Baumeister des rekonstruierten Römerkastells Saalburg holten sich einst ihren Werkstoff aus der „Steinernen Wand“.

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