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Frauen übernehmen Verantwortung

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Die Gedächtniskirche in Bad Homburg hat die größte evangelische Gemeinde im Dekanat Hochtaunus .
Die Gedächtniskirche in Bad Homburg hat die größte evangelische Gemeinde im Dekanat Hochtaunus . © ROLF OESER

Am kommenden Sonntag sind Kirchenvorstandswahlen im Dekanat Hochtaunus. Dekan Michael Tönges-Braungart und Jens-Markus Meier, Pressesprecher des Dekanats, erklären im FR-Interview, wie demokratisch eine Kirchengemeinde ist.

54 000 evangelische Christen im Dekanat Hochtaunus sind aufgerufen, einen neuen Vorstand ihrer Gemeinde zu wählen. Dekan Michael Tönges-Braungart und Jens-Markus Meier, Pressesprecher des Dekanats, zur Wahl am Sonntag.

Wie demokratisch ist eine Kirchengemeinde?
Meier: Die Kirchengemeinden folgen dem Prinzip der repräsentativen Demokratie, der Vorstand wird von den Mitgliedern gewählt und bekommt ein Mandat. Er handelt im Sinne der Gemeindemitglieder und auch im Sinne der Bibel und der Verfassung unserer Landeskirche.

Was macht ein Kirchenvorstand?
Gemeindeleitung bedeute auch so Dinge wie das Einstellen von Personal wie einer Sekretärin. Er organisiert das kirchliche Leben mit allen Veranstaltungen und Aktionen, von Gottesdiensten bis zu Besuchdiensten im Altenheim. Er kümmert sich darum, dass der christliche Glauben gelebt wird in einer Gemeinde. Dazu gehört der diakonische Auftrag, was so viel heißt wie gelebte Nächstenliebe, Alten und Schwachen zu helfen, ein Kernauftrag der Bibel. Auch die Seelsorge spielt eine Rolle, das Sprechen über die Bibel, den Glauben.
Daneben bemüht sich ein Vorstand auch Dinge wie Bauangelegenheiten. Deshalb muss der Vorstand auch so besetzt sein, dass seine Mitglieder unterschiedliche Fähigkeiten mitbringen. Der Betrieb der Gemeinde muss laufen können. Es gibt eine Menge administrative Bürokratie.

Ist das viel Arbeit?
In der Regel trifft sich der Vorstand einmal im Monat, dazu kommen besondere Engagements und Ausschusssitzungen. Die Gedächtniskirchengemeinde in Bad Homburg zum Beispiel ist unsere größte im Dekanat mit 4365 Mitgliedern. Da gehört eine Kita dazu, eine Gemeindehaus, eine Kirche. Allein die Liegenschaften zu verwalten, ist ein großer Aufwand. Der Kirchenvorstand kann Fachausschüsse berufen, darin arbeiten auch Menschen, die nicht im Vorstand, aber fachkundig sind.

Wer hat mehr zu sagen, der Pfarrer oder der Vorstand?
Keiner. Wir haben eine Dienstgemeinschaft,. Die Grundlage der Zusammenarbeit ist, dass man immer von einer einvernehmlichen Einigung ausgeht. Die Grundlage ist die Nächstenliebe und ein christliches Miteinander. Es gibt natürlich im Vorstand auch Debatten und Kontroversen, aber am Ende sollte die Einigung stehen.

Warum ist die Wahlbeteiligung so niedrig, im Schnitt etwas über 20 Prozent?
Meier: Ich finde, das ist relativ viel. Wenn man sich die Zahlen anschaut, lagen sie schon 1985 so. Ich vermute, ein Großteil der Gemeindemitglieder vertraut der Kirche nach dem Motto „Das machen die schon“. Man sieht keine große Notwendigkeit, sich zu engagieren. Anders wäre es, wenn flächendeckend keine Gottesdienste mehr stattfinden, oder keine jungen Menschen mehr konfirmiert werden könnten. Aber so ist es ja nicht. Wir haben ein großes Filialnetz. In manchen ländlichen Gebieten ist die Kirche der letzte Rest der institutionalisierten Gesellschaft. Es gibt Orte, da gibt es keine Feuerwehr mehr, aber eine Kirche und ein Pfarrer, auch wenn der vielleicht für mehrere Kirchen zuständig ist.

Gibt es nicht auch viele „Karteileichen“ in den Gemeinden?
Meier: Ja. Das zeigt eine Mitgliederuntersuchung. Ein Resultat war, dass der Kern der fest mit der Kirche Verbundenen etwas steigt, die Anzahl derjenigen, die lose oder gar nicht mit der Kirche verbunden sind, aber wesentlich mehr gewachsen ist. Trotzdem scheint es über Jahrzehnte eine stabile Anzahl an Menschen zu geben, die sich einsetzen.

Wo machen viele mit?
Meier: In den Städten weniger als auf dem Land. Über 40 Prozent Beteiligung hatte 2009 Hausen bei Neu-Anspach. Die Erlöserkirche in Bad Homburg zum Beispiel hatte 15,5 Prozent, die Christuskirche in Oberursel 17,9 Prozent. Aber überall im Dekanat war die Beteiligung höher als 2003.

Vor der Gedächtniskirche verteilte der Pfarrer am Sonntag Gummibärchentüten mit Wahldatum. Wie wirbt die Kirche?
Meier: Alle Mitglieder wurden diesmal von der Landeskirche angeschrieben mit der Aufforderung wählen zu gehen. Wir werden am Montag sehen, wie es gelaufen ist. 2009 hatten wir unsere Bäckertütenaktion, eine Kooperation mit der Innung. Die Kampagne hat viele persönlich Gespräch initiiert. Auch die Möglichkeit zur Briefwahl wird die Beteiligung hoffentlich stärken.

Wie alt sind die Kirchenvorstände?
Meier: 2000 hatten wir 25.8 Prozent über Sechzigjährige, 57,7 waren zwischen 40 und 60 Jahren alt, 16,4 Prozent darüber.

Die Gremien werden sich verjüngen, hieß es?
Meier: Nach der Kandidatenliste zu urteilen wird unter 30 auch diesmal die Ausnahme bleiben.

Es sind überproportional viele Frauen in den Vorständen, über die Jahre sind es immer mehr geworden, warum?
Meier: Ich denke, dass Frauen kommunikativer sind. Im Gemeindeleben gibt es viele Kommunikative Aspekte. Liebe, Glaube, Hoffnung – vielleicht sind Frauen an den Wendepunkten des Lebens sprachfähiger. Obwohl die Arbeit im Kirchenvorstand mit Spiritualität oftmals nicht viel zu tun hat, sondern viel mit der Sanierung von Kirchendächern – zum Beispiel.
Tönges-Braungart: Ich vermute, dass der Bereich Soziales immer noch stärker als Frauenangelegenheit gesehen wird, auch von den Frauen selbst. Ich erlebe, dass bei Bänkerinnen oder Betriebswirtinnen ganz bewusst ein anderer Akzent gesucht wird im ehrenamtlichen Engagement. Auch an den Schulen sind überwiegend Frauen im Elternbeirat. Vielleicht haben Frauen keine Lust auf die Machtspiele, wie sie in politischen Gremien üblich sind, so was haben wir in der Kirche nicht. Deshalb könnte es für Frauen attraktiver sein, sich bei Kirchen zu engagieren.

Das Interview führte Andrea Herzig.

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