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Die Frau, die anderen Frauen hilft

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Susanne Ciric arbeitet im Frauenhaus Oberursel.
Susanne Ciric arbeitet im Frauenhaus Oberursel. © Renate Hoyer

Susanne Ciric arbeitet seit 1999 im Frauenhaus in Oberursel. Gerade wurde sie für ihren Einsatz für Frauen in Not mit dem Zivilcouragepreis des Hochtaunuskreises ausgezeichnet. Ciric stellt fest, dass zunehmend mehr Frauen Hilfe suchen.

Susanne Ciric arbeitet seit 1999 im Frauenhaus in Oberursel. Gerade wurde sie für ihren Einsatz für Frauen in Not mit dem Zivilcouragepreis des Hochtaunuskreises ausgezeichnet. Ciric stellt fest, dass zunehmend mehr Frauen Hilfe suchen.

Susanne Ciric setzt sich für andere ein, ob als Streetworkerin, für demente Menschen im Altenheim oder für Frauen, die vor ihren gewalttätigen Lebenspartnern in ein Frauenhaus flüchten. Nun wurde Ciric wegen ihres mutigen Einsatzes mit dem Zivilcouragepreis des Hochtaunuskreises ausgezeichnet.

Weshalb wurden Sie im November für Ihre Zivilcourage ausgezeichnet?

Ich erinnere mich, dass vor mir ein Auto fuhr, bei dem etwas aus dem Fenster hing. Dann sah ich einen Lockenkopf auftauchen, der heruntergerissen wurde, dann wieder hochkam. Der Mann am Steuer schlug mit der Faust gegen den Kopf. Plötzlich bog das Auto links in eine Straße ein. Ein anderes Auto vor ihm brachte es zum Stehen und ich stellte meinen Wagen direkt dahinter. Die Fahrerin des anderen Wagens, Doris Reuter, und ich stiegen beide aus. Wir redeten auf den Mann ein und versuchten die Frau zu beruhigen, nachdem wir die Polizei gerufen hatten.

Hatten Sie keine Angst, dass der Mann aussteigt und Ihnen etwas passiert?

Nein, er ist auch nicht ausgestiegen, sondern sitzengeblieben. Der Mann wurde festgenommen und zu einer hohen Geldstrafe verurteilt.

Wissen Sie, was aus der Frau wurde?

Nein, ich habe nichts mehr von ihr gehört, aber ich habe mich gewundert, dass ich keine Zeugenaussage vor Gericht machen musste. Dann kam im November der Anruf von Frau Ramadanovic vom Landratsamt Bad Homburg, die mir mitteilte, dass ich mit dem Preis für Zivilcourage ausgezeichnet werden sollte. Ich wollte den Preis erst nicht annehmen, weil ich meinen Einsatz für selbstverständlich halte, habe mich dann aber überreden lassen, weil Frau Ramadanovic sagte, dass unser Verhalten Vorbildfunktion für andere habe. Für mich ist klar, dass ich bei Gewalt gegenüber schwächeren Menschen nicht einfach wegschaue. In der Situation kam mir auch meine Erfahrung aus der Arbeit im Frauenhaus zugute. Wichtig ist immer, dass man versucht ruhig und sachlich zu bleiben, zu deeskalieren, wenn ein Gewalttäter auftaucht.

Die Adresse des Hauses ist geheim, aber Sie werden trotzdem von gewalttätigen Männern gefunden?

Leider kommt es vor, aber bisher ist es uns gelungen, die Situation zu entschärfen und die Polizei ist immer sehr schnell vor Ort. Darauf können wir uns verlassen.

Wie lange verweilen die Frauen im Durchschnitt im Haus?

Das ist völlig unterschiedlich, von einer Stunde bis zu einem Jahr. Da spielen ganz viele Faktoren eine Rolle. Manche Frauen finden im Gespräch sehr schnell eine Lösung und können bei Freunden sicher unterkommen. Andere brauchen länger Beratung und Unterstützung, um sich neu zu orientieren, etwa weil sie durch die Flucht ins Frauenhaus ihre Arbeit verloren haben oder weil es schwierig ist, eine Wohnung zu finden.

Sind es in den vergangenen Jahren mehr Frauen geworden?

Ja, in den letzten Jahren sind mehr Notrufe bei uns eingegangen. Seit das Gewaltschutzgesetz vor zehn Jahren eingeführt wurde, ist die Hemmschwelle, die Polizei zu rufen, nicht mehr so groß. Viele Frauen haben erkannt, dass man sich Hilfe holen kann und nicht schämen muss, wenn man häuslicher Gewalt ausgesetzt ist.

Welche Frauen kommen zu Ihnen?

Frauen aller Altersgruppen und aus allen Gesellschafts- und Bildungsschichten, Frauen aus den unterschiedlichsten Familiensituationen und Gewaltkontexten.

Welche Unterstützung bekommen die Frauen im Frauenhaus?

Das kurzfristige Ziel ist, erst mal aus der Gewaltsituation herauszukommen, nicht mehr geschlagen und gedemütigt zu werden. Dann geht es darum, den Frauen bei der Entscheidungsfindung zu helfen: Welchen Weg will und kann ich in Zukunft gehen? Gemeinsam wird erarbeitet, was zu tun ist: Job- und Wohnungssuche, Behördengänge, um den Lebensunterhalt zu sichern. Oft müssen auch Kleinigkeiten des Alltags nach jahrelangen Abhängigkeiten wieder gelernt werden. Dabei begleiten wir die Bewohnerinnen. Manche Frauen brauchen für die Verarbeitung ihrer Gewalterfahrungen auch die Hilfe von Ärztinnen und Therapeutinnen.

Haben die Frauen lange Leidenszeiten hinter sich?

Wenn die Frauen zu uns kommen, wissen wir nicht, ob es der erste Schlag war oder nicht. Aber oft ist der Leidensweg sehr lang, Gewalt gehörte oft schon in der Kindheit und Jugend zum Alltag.

Das Interview führte Nina Nickoll

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