1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Hochtaunus

Flüchtlinge damals und heute

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Olaf Velte

Kommentare

Für die große Reise: Der Pass des türkischen „Gastarbeiters“ Mustafa Fitoz.
Für die große Reise: Der Pass des türkischen „Gastarbeiters“ Mustafa Fitoz. © Renate Hoyer

Die Ausstellung „Fremde. Heimat. Friedrichsdorf“ offenbart Flucht, Ankunft und Integration als immerwährende Themen.

Die Gegenwart ist der Ausgangspunkt. Auf einem Tisch liegen 13 Mappen mit Formularen und Informationen. „Mit welchen Worten beginnt die deutsche Nationalhymne?“, heißt es im Fragebogen zum Einbürgerungstest. Aus vier Möglichkeiten darf gewählt werden.

Die neue Sonderausstellung „Fremde. Heimat. Friedrichsdorf“ im Seulberger Heimatmuseums ist einem aktuell-brisanten Thema gewidmet. Nicht ausgeblendet wird daneben eine Vorgeschichte der Zuwanderung, die für die ehemalige Stadt des Zwiebacks fundamental ist. Wie nur wenige Kommunen wurde die Taunusgemeinde geprägt von Ankunft und Integration. Ausgehend von heutiger Flüchtlingsrealität weist ein die Präsentation strukturierender Zeitstrahl hinüber ins ferne 17. Jahrhundert.

Eine Epoche, in der sich unter der schützenden Hand des Homburger Landgrafen Friedrich II. etwa 150 französische Glaubensflüchtlinge ansiedeln und eine Wohnstätte gründen dürfen. Dass die deutsche Bevölkerung umliegender Dörfer darauf mit Widerwillen reagiert, wird im Rahmen der bis zum 1. März geöffneten Ausstellung keinesfalls ausgeblendet.

1946 treffen Heimatvertriebene aus dem Sudetenland und Ostpreußen erneut auf eine feindselige Stimmung. Obwohl die Friedrichsdorfer Bemühungen als „Muster nachkriegsdeutscher Eingliederungspolitik“ gelobt werden, bringt die „Zwangsbewirtschaftung von Privatwohnungen“ viele Alteingesessene in Rage. Die gesellschaftliche Aufnahme der vor sieben Jahrzehnten in den Taunus gekommenen 485 Menschen erweist sich in den Anfangsjahren als ebenso schwieriges Unterfangen wie alle Zuwanderungen vor- und nachher.

Bei der Realisierung der Sonderpräsentation haben sich neben dem örtlichen Geschichtsverein und dem seit den 1990er Jahren aktiven Arbeitskreis Asyl auch Achtklässler der Philipp-Reis-Schule hervorgetan. Während sommerlicher Projektwochen wurden Gespräche mit Zeitzeugen geführt, historische Umbruchphasen erforscht. „Da haben wir Generationen zusammengebracht und das Wissen auf verschiedenen Ebenen abgeschöpft“, sagt Stadtarchivarin Erika Dittrich.

Im Erdgeschoss des Seulberger Museums treten Menschen und Schicksale in den Vordergrund. Bis in den letzten Winkel beklebte Flüchtlingsausweise sprechen von ruheloser Suche nach neuer Geborgenheit, vom Zustand des Dazwischen. „Erst als wir in den leeren Zimmern standen“, so die aus dem Sudetenland stammende Rosa Tippmann, „erkannten wir, was uns alles fehlte und was wir verloren hatten.“ Neben dem Zwang zum Weggehen wird auch dem Wollen genügend Platz eingeräumt. Der „Gastarbeiter“ tritt schon im 18. Jahrhundert in die Gassen der kleinen Stadt: Italiener, Tiroler und Bayern auf der Suche nach Verdienstmöglichkeiten beim Baugewerk oder in den Färberschuppen. Wie bei den späteren Polen und Russen – die Ziegelsteine im Feldbrand herstellen – reicht für das Notwendigste ein kleiner Koffer. In den Vitrinen auch die Reisepässe aus türkischem, griechischem oder vietnamesischem Besitz. „Friedrichsdorf: Zuflucht aus Tradition“ ist hier kein leeres Versprechen.

Es kann den Ausstellungsmachern als Verdienst angerechnet werden, auch den kulturellen und wirtschaftlichen Wert von Zuwanderung und Neuansiedlung vorzuführen. Die Fertigkeiten der Hugenotten sorgen für Wohlstand und Fortschritt, die Weltkriegsvertriebenen begründen hierzulande unbekannte Gewerbe wie das Posamenten-Handwerk.

Der Begriff „Heimat“ – sein Bedeutungswandel markiert ein eigenes Ausstellungskapitel – wird angereichert. Da ist jener 42 Jahre alte Johannes Malkauß, dem am 12. Juni 1850 schriftlich die „Heimath“ bestätigt wird – damit er zurückkehren darf. Da sind vier Flüchtlinge, denen Heimat genommen wurde, denen das Verlorensein ins Gesicht geschrieben ist.

Und am Ende des Rundgangs: Ein Wanderstock, einsam in gläserner Vitrine, baumelnd über roher Erde. Gleichsam Wegweiser in unsere Vergangenheit, unsere Zukunft.

Auch interessant

Kommentare