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Anno 1935 verband diese schicke Straßenbahn Dornholzhausen mit Bad Homburg. Heute fahren Stadtbusse.

Arme Strumpffabrikanten

Flucht nach Dornholzhausen

Wie 30 Familien ein Dorf gründen und ins globale Textilgeschäft einsteigen erzählt die neue Ausstellung im Gotischen Haus. Von Andreas Kraft

Von Andreas Kraft

Seit über einem Jahr sind sie auf der Flucht.Sie haben zu Fuß die Alpen überquert, sind in Schiffen den Rhein hinaufgefahren, haben wochenlang in Kelsterbach im Flüchtlings-Camp ausgeharrt, bis sie am 28. Juli 1699 endlich in ihrer neuen Heimat ankommen. In Dornholzhausen. Gut 30 Familien bleiben hier und versuchen, dem kargen Boden ihren Lebensunterhalt abzuringen.

Die Geschichten der Glaubensflüchtlinge haben Walter Mittmann und Wolfgang Bühnemann in jahrelanger Kleinarbeit zusammengetragen. Anhand von Inventarlisten, die vor der Hochzeit oder nach dem Tod erstellt wurden, Versteigerungsanzeigen in den Mitteilungsblättern und wenigen Briefen entwerfen sie in einem Sonderband des Stadtarchivs ein Bild des einfachen Lebens in dem kleinen Ort vor den Toren Bad Homburgs.

Die Waldenser, die noch bis ins 19. Jahrhundert hinein französisch miteinander sprechen, sind vor allem eins: arm. Bald jedes zweite Kind stirbt. Eine Familie muss mit einem Hektar Land auskommen. "Das ist natürlich viel zu wenig", sagt Bühnemann. Doch die Dornholzhäuser finden einen Ausweg. Sie lernen wie man Strümpfe macht. Zunächst arbeiten sie für hugenottische Fabrikanten aus Bad Homburg oder Friedrichsdorf. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts arbeiten sie dann auf eigene Rechnung.

Doch das Risiko ist hoch. Die Wolle importieren die Fabrikanten über Großhändler aus Rumänien. Bezahlt wird sie mit Wechseln aus Holland, wohin die fertigen Strümpfe meist exportiert werden. "Manchmal kamen aber auch ganze Lieferungen wegen angeblich schlechter Qualität zurück", erzählt Mittmann. "Dann gab es auch kein Geld." Die Fabrikanten mussten sehen, wie sie die Strümpfe los wurden oder sie blieben auf den Schulden sitzen. Reich wurde mit dem Handwerk keine der 30 Familien.

"Sie waren es gewohnt arm zu sein", sagt Mittmann. In ihrer Heimat, einem Tal im Piemont, waren sie Bergbauern. Anders als die Hugenotten, für die Gott die Frommen mit Wohlstand belohnte, folgten die Waldenser Christus nach, indem sie in Armut lebten. Seit der Mitte des 12. Jahrhunderts provozierte die Bewegung damit die katholische Kirche. Die Waldenser wurden als Ketzer verfolgt und 1698 auch aus ihrem Alpen-Tal vertrieben. Gut 700 zogen nach Hessen, wo sie auch der reformierte Landgraf von Homburg aufnahm. Mit den Hugenotten hatte er schließlich wirtschaftlich gute Erfahrungen gemacht.

Anders als heute gestand der Staat den Asylanten damals gar Privilegien zu. Die Waldenser mussten sieben Jahre keine Steuern zahlen. Sie wählten ihren Pfarrer und ihren Schultheiß selbst und sie durften weiterhin französisch sprechen. Doch heute ist von den Waldensischen Familiennamen in Dornholzhausen keiner mehr vertreten. Die jungen Männer starben , zogen weg oder heirateten nie, weil sie sich eine Familie nicht leisten konnten.

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