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Feuer in der Nacht

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Von: Olaf Velte

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Wo das Feuer brennt: Diakon Klementowski vor St. Hedwig.
Wo das Feuer brennt: Diakon Klementowski vor St. Hedwig. © M. Weis

Oberursel Katholiken und Protestanten feiern die Osternacht in St. Hedwig gemeinsam

Es ist die Zeit des Wandels. Was sich am heutigen Samstag begibt, trägt das Signum der Veränderung in sich. In den Zeilen des schwäbischen Dichters Mörike ist es verewigt: „Frühling lässt sein blaues Band/Wieder flattern durch die Lüfte/Süße, wohlbekannte Düfte/Streifen ahnungsvoll das Land“.

Sichtbares Zeichen dieses Umschwungs in Natur und Seele ist das Element Feuer. Osterfeuer werden heute vielerorts durch die Nacht leuchten, in ihrem Lodern uralte Botschaften aussenden. Und doch: Osterfeuer ist nicht gleich Osterfeuer – es gibt Unterschiede. Relikt vorchristlichen Brauchtums ist das Abbrennen aufgetürmter Holz- und Reisighaufen: Einst wurde der Austreibung des Winters damit leuchtende Gestalt gegeben, zugleich sollte die aufkeimende Saat vor unheilbringenden Einflüssen geschützt werden.

Wer sich heute um 18 Uhr an der Wiese neben der Fußgängerbrücke des Bad Homburger Stadtteils Dornholzhausen einfindet, bekommt von der veranstaltenden Freiwilligen Feuerwehr auch die „legendäre Dornholzhäuser Feuerwurst“ serviert. Andere Holzstöße brennen zur vorabendlichen Stunde in Wehrheim-Friedrichsthal, Grävenwiesbach-Naunstadt und Weilrod-Gemünden.

Innere Erleuchtung suchen die Besucher der in Oberursel gelegenen St. Hedwig-Kirche. Nur ein kleiner Feuerkreis flackert vor dem Eingangstor des 1966 geweihten Gotteshauses am Borkenberg. Was hier ab 21 Uhr nach Eintritt der Dunkelheit vor sich geht, ist in der Region ohne Beispiel: Zum Beginn der Osterfeierlichkeiten versammeln sich katholische und evangelische Gemeindemitglieder zur gemeinsamen Liturgie. „Eine Tradition seit über vierzig Jahren“, sagt Cornelia Synek, Pfarrerin der ebenfalls im Oberurseler Norden beheimateten Heilig-Geist-Kirche. „Wir feiern in der Osternacht auch die Ökumene“, so St.-Hedwig-Diakon Jan Klementowski.

Wie in jedem Jahr werden Hunderte von Menschen zur verdunkelten Kirche kommen, vor der nur das einsame, aber gesegnete Feuer brennt. „Dienliche Funktion“ wird ihm zugeschrieben: Die große Osterkerze wird daran entzündet. So geht es hinein in den sakralen Raum, der bis zum umfassenden Glockenläuten nur vom Kerzenschimmer erleuchtet ist. Mit dem „Gloria“-Hymnus kommt Verheißung und Heil in die Nacht. „Der Gottesdienst“, so Klementowski, „ist eine Reise vom Dunkel zum Licht.“ Und endet schließlich bei einem mitternächtlichen „Liebesmahl“, zu dem Osterbrot und Wein gereicht werden. „Anschließend tragen wir das Kerzenfeuer hinüber zur Heilig-Geist-Kirche“, sagt Pfarrerin Synek, „eine sinnliche Erfahrung.“

Die Entstehung des ungewöhnlichen Kirchen-Bundes hängt eng mit der Gründung des nördlichen Stadtbezirks zusammen. Dort wurden in den 70er Jahren neue Siedlungsgebiete ausgewiesen – „ein Flickenteppich“, wie Synek es ausdrückt. „In der Kirchenarbeit mussten wir bei null anfangen, brauchten auf keine gewachsenen Strukturen Rücksicht zu nehmen.“ Ein Vorteil, wie sich für Heilig Geist und St. Hedwig herausstellte.

Fortan konnten unkonventionelle Wege beschritten werden. „Wir hatten die Aufgabe, das Puzzle an Wohngebieten zu einem Ganzen zu fügen.“ Bezogen auf die Altersstruktur wirken hier die jüngsten Kirchengemeinden Oberursels. Nach wie vor sind Jugendarbeit und Stadtteilentwicklung große Themen. In der Pionierarbeit sind Katholiken und Protestanten zusammengerückt, bringen heute etliche Angebote gemeinsam auf den Weg. Im Jahreskreis haben sich ökumenische Schulgottesdienste oder Open-Air-Zeremonien mittlerweile etabliert.

Das sogenannte Hochfest zur Auferstehung des Herrn ist eine der zentralen Feierlichkeiten im Oberurseler Norden. Licht, Wort, Taufe und Eucharistie münden in die frohe Botschaft. Die Grenzen zwischen den Konfessionen sind aufgehoben, durchlässig wie der Flammenschein am Karsamstag. Von einer „einmaligen Atmosphäre“ sprechen die beiden Seelsorger. Kein Vergleich zu den Event-Bränden mit angegliederter Grill-Station. Wer dort seine „Feuerwurst“ genossen hat, kann unbesorgt hinüber wandern zur St. Hedwig-Gemeinschaft. Dort, wo „die Kirche aufbricht und die Kerzen wanken“, wie der Dorfgeistliche Mörike einst schrieb.

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