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Die Familie leidet mit

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Von: Andrea Herzig

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In der Klinik werden auch viele Suchtkranke behandelt.
In der Klinik werden auch viele Suchtkranke behandelt. © Michael Schick

Seit 20 Jahren helfen Fachleute im Waldkrankenhaus Köppern den Angehörigen von Suchtkranken.

Wer mit einem Suchtkranken zusammenlebt, hat auch seine eigene, lange Leidensgeschichte. Er ist meist komplett in das System des Alkoholkranken eingebunden, er fühlt sich verantwortlich, er schirmt den Kranken nach außen an. Oft fühlt er sich sogar schuldig. „Ich mach‘ doch alles, warum trinkt er dann noch?“, ist eine typische Frage. Das ganze eigene Leben richtet sich nach der Krankheit, Freunde bleiben weg, die wirtschaftliche Grundlage der Familie oder Partnerschaft ist gefährdet.

Die Fachleute im Köpperner Waldkrankenhaus kennen viele solcher Geschichten. Seit 20 Jahren bieten hier Sozialarbeiter und Ärzte einmal im Monat eine Gesprächsgruppe für Angehörige von Suchtkranken an. Die allermeisten, die in dieser Zeit Hilfe gesucht haben, sind Ehepartner, Lebensgefährten, Eltern oder Kinder von Alkoholikern.

Was die Treffen in der Vitos-Klinik von Selbsthilfegruppen unterscheidet: Hier sind Fachleute, Sozialarbeiter und Ärzte, die Ansprechpartner der Angehörigen. Sie bieten einen Überblick über die Hilfsangebote im ganzen Kreis und haben einen professionellen Blick auf die Situation des Kranken und seiner Angehörigen. Auch medizinische Fragen können kompetent beantwortet werden.

Der Diplomsozialarbeiter Ronnie Günter bekam die Leitung der Gruppe vor 20 Jahren übertragen. Günter hatte eigene Erfahrung mit Suchtkranken in der Familie. Er kennt die Belastung, die Unsicherheit der Angehörigen, weiß, was sie bei der Begleitung eines Kranken durchmachen. Bei den monatlichen Treffen berichten sich die Angehörigen vom Erlebten. Oft helfen sie sich untereinander mit Tipps, beraten sich gegenseitig, wie mit Situationen im Alltag umzugehen ist.

In der Gruppe trauen sich viele zum ersten Mal, über ihre Ängste zu sprechen. Viele Angehörigen lernen in der Gruppe erst wieder, dass auch ihr Leben einen Eigenwert hat. Dass sie sich nicht völlig der Suchtkrankheit des Angehörigen unterordnen müssen – und dass sie Grenzen setzen können und auch müssen. „Hier kann die Wut auf den Abhängigen mal rausgelassen werden“, erklärt der Diplomsozialarbeiter Marcus Roth, der die Gruppe seit Herbst 2013 leitet. Hier erlauben sich die Angehörige Gedankenspiele. „Was passiert, wenn ich ihn rausschmeiße, wenn er wieder betrunken ist?“

Fachleute sind die Ansprechpartner

Der Gesprächskreis war über die Jahre hinweg ganz unterschiedlich besetzt. Manchmal kamen bis zu 20 Menschen zu den monatlichen Treffen, meistens sind es so sieben bis neun, berichtet Marcus Roth. Manche Angehörige kommen jahrelang, andere sind nur einmal da. Anmelden muss sich niemand, Roth garantiert Anonymität. Jeder darf, er muss aber nicht seinen Namen nennen.

Das Einzugsgebiet der Gruppe ist groß. Die Menschen kommen aus dem ganzen Kreis, für den das Krankenhaus als psychiatrische Klinik zuständig ist. Hin und wieder stoßen auch Interessierte von weiter weg dazu. Zwei Drittel der Hilfesuchenden sind Frauen. Männliche Angehörige kommen in der Regel nur über ihre im Waldkrankenhaus behandelten Frauen in die Gruppe, berichten die Sozialarbeiter. Die Angehörigen der Frauen haben häufiger auch nichts mit der Klinik zu tun.

Noch immer sind mehr Männer alkoholkrank als Frauen, sagt Gabriele Thies, die Leitende Ärztin der Klinik. Die am häufigsten betroffene Gruppe ist die der 45 bis 64 Jahre alten Männer. Das ist die Zeit, in der sich die Krankheit kaum noch verbergen lässt. Jungen Leuten lasse man viel „Feierei‘“ vielleicht noch mal durchgehen, wer aber mit 50 ständig „einen drauf macht“, falle auf, erklärt Psychiaterin Thies.

Im vergangenen Jahr hat das Köpperner Waldkrankenhaus 598 Menschen von Suchtmitteln entgiftet, das geschieht unter ärztlicher Aufsicht mit Medikamenten. Ein kalter Entzug zu Hause, darauf weisen die Fachleute hin, ist gefährlich. Unter anderem können Krämpfe auftreten und der Kreislauf zusammenbrechen. Die Auslastung der Entgiftungsstation liegt bei rund 99 Prozent.

Rund ein Drittel der in Köppern behandelten Patienten hat ein Alkoholproblem. Viele dieser Patienten kommen jahrelang immer wieder in die Klinik, berichtet Marcus Roth. Die Therapeuten freuen sich über kleine Erfolge, zum Beispiel wenn ein Patient nur noch zweimal im Jahr zur Entgiftung erscheint. Es gibt aber auch Fälle, in denen ein Kranker nach 90 Aufenthalten in der Klinik inzwischen doch abstinent lebt, berichtet Günter.

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