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Esskastanien für den Klimawandel

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Spaziergänger mit Hund im Hardtwald
Spaziergänger mit Hund im Hardtwald © Monika Müller

Die Förster experimentiert im Bad Homburger Stadtwald mit neuen Baumarten, um sich auf wärmere Zeiten vorzubereiten. Paradox: Ausgerechnet Sturm Xynthia beschert dem Kämmerer einen hohen Gewinn.

Von Martina Propson-Hauck

Das würde sich manch Kämmerer sicher wünschen: Da wütete Sturm Xynthia Ende Februar mal so eben übers Land, knickte viele Bäume im Stadtwald um – und statt bleibende Schäden zu hinterlassen, steht in der Stadtkasse am Jahresende ein sattes Plus von mindestens 100000 Euro. Doch wer so rechnet, hat von Waldwirtschaft nichts begriffen, sagt Förster Günter Busch. Denn diese Mehreinnahmen durch den ungeplanten Holzverkauf bedeuten natürlich auch Verluste im Waldbestand und geringere Einnahmen in der Zukunft.

Wer mit der Natur arbeitet, hat ohnehin schwer kalkulieren: Stürme, Hitze, Trockenheit, Kälte und Nässe sowie der leidige Borkenkäfer sind kaum vorherzusagen. Dennoch muss der Förster ganz genau kalkulieren. Seit 2005 bewirtschaftet die Stadt ihren 1270 Hektar großen Stadtwald selbst. „Wir sind sehr zufrieden mit dieser Entscheidung, denn so können wir eigene Schwerpunkte setzen“, sagt Oberbürgermeister Michael Korwisi, der seinerzeit als Stadtrat für die Übernahme des Waldes in Eigenregie gefochten hat.

Mehr Laubholz

Der Wald liegt ganz nah am Rand der städtischen Bebauung, 60 Kilometer befestigte Wander- und Radwege durchziehen ihn, denn er dient vor allem auch der Erholung der Bürger. Im kommenden Jahr wird der Stadtwald einer Art General-Inventur unterzogen: Für das sogenannte Forsteinrichtungswerk werden die Bäume genau erfasst, fünf bis zehn Millionen sind es laut grober Schätzung des Försters, insgesamt 400 000 Kubikmeter Holz. Damit Sturm- und Altersschäden kompensiert werden, pflanzt der Förster mit seinen Mitarbeitern vom Bau- und Betriebshof im kommenden Jahr 5500 Setzlinge, die in der Regel drei bis vier Jahre alt sind. In natürlicher Verjüngung des Waldes säen sich zudem mehr als zehnmal so viele aus.

Douglasien, Eichen und 500 Tannen für den Weihnachtsbaumbedarf pflanzt der Förster. Zum ersten Mal will Busch auch mit Esskastanien experimentieren, die sonst meist in südlicheren Gefilden wachsen und am Taunuskamm ihr nördlichstes Verbreitungsgebiet haben. Die jahrhundertealten Esskastanien in Oberursel und Kronberg sind laut Busch für die Holzverarbeitung allerdings nicht zu gebrauchen. Er vermutet, dass sie auf zu nährstoffreichen Böden stehen. Im Zuge des globalen Klimawandels glaubt er, dass die Esskastanie in Bad Homburg auf kargen und trockenen Böden eine Zukunft haben könnte, die auch ihr Holz besser verwertbar macht. Ein Hektar Waldfläche soll zunächst für dieses Experiment genutzt werden.

Im kommenden Jahr sollen insgesamt 6900 Festmeter Holz fallen. Dabei werde wesentlich weniger Holz eingeschlagen als nachwachse, sagt Busch. Buchenholz, das in der Vergangenheit oft noch der Renner war, ist laut Busch am Holzmarkt nicht mehr so stark gefragt. Dafür hat er unerwartet viele Nachfragen nach Eschenholz. So hat ihn jüngst ein dänischer Zwischenhändler kontaktiert, der zwei Containerladungen Eschenholz nach China exportieren wollte und dringend nach Esche suchte. Erst in Bad Homburg wurde er fündig. 2009 hat Busch nur 2000 Festmeter Holz geschlagen, weil die Preise absolut im Keller waren. Der Vorteil der Ware Wald liegt eindeutig darin, dass sie kaum verderblich ist. Also beschränkt man sich beim Verkauf aufs Nötigste, wenn der Preis im Keller ist und verkauft viel, wenn die Preise wie jetzt wieder anziehen. Um für Stürme und Trockenheit besser gewappnet zu sein, reduziert Busch mit seinen Leuten schon seit einigen Jahren die großen Fichtenbestände zugunsten eines höheren Laubholzanteils.

Ob im Jahr 2011, also dem Jahr nach dem großen Sturm, die Borkenkäfergefahr besonders groß ist – wie gemeinhin behauptet – wird sich zeigen. Ein besonders kalter Winter, so Busch, macht den Tierchen gar nichts aus.

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