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Stomps in seinem Schlösschen „Sanssouris“.
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Stomps in seinem Schlösschen „Sanssouris“.

Oberursel

Erinnerung an Verleger-Legende

  • Olaf Velte
    VonOlaf Velte
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Am Sonntag nimmt der Oberurseler Kulturverein Litera-Touren sein zehnjähriges Bestehen zum Anlass, an den legendären Verleger V. O. Stomps und seine Eremiten-Presse zu erinnern.

Längst ist das nächtliche Schnaufen der Heidelberger Schnellpresse verklungen, klimpern keine Lettern mehr in den Setzkästen. Doch in den Winkeln des schmucklosen Fachwerkbaus stecken sie noch, die Hinterlassenschaften des legendären V. O. Stomps. An den Wänden des ehemaligen Wohnraumes sind jene hölzernen Einbauregale zu entdecken, die während der Eremiten-Verlagsjahre unter Bücherlasten zu ächzen hatten. Noch immer schwingt sich eine schmale Stiege hinauf unters Dach, wo der Hausherr das müde Haupt aufs Kissen betten konnte. Nebenbei sein Spiegel – funkelnde Kostbarkeit im bettelarmen „Schloss Sanssouris“.

Es ist ein Glück für Oberursel, dass sich die Einmaligkeit erhalten hat: Heimstatt einer der eigenwilligsten und einflussreichsten Verleger deutscher Zunge, Ort der Neubesinnung, des künstlerischen Aufbruchs nach 1945. Eine Erbschaft, die am kommenden Sonntag in Erinnerung gerufen wird. Der Kulturverein Litera-Touren aus Oberursel nimmt sein 10-jähriges Bestehen zum Anlass, einen Tag für V. O. Stomps und seine Autoren zu gestalten. „Es war einmal in Stierstadt“ ist überschrieben, was in der Kunstbühne Portstraße um 15 Uhr mit einer Ausstellung zum „Stierstädter Salon“ anhebt.

Eva Sigrist und Gudrun Dittmeyer, die Litera-Touren-Gründerinnen, haben das Thema bereits zwei Mal in den Fokus gerückt, für die selbst gestaltete Ausstellung lange recherchiert und Material zusammengetragen. 2009 war der landesweite Literaturtag willkommener Anlass, zwei Jahre später geriet der Oberurseler Hessentag in den Bann der Stomps’schen Querschlägereien. „Es ist dieses Anders-Denken des Verlegerseins, die Werkstattsituation damals, was fesselt und beispiellos ist“, sagt Eva Sigrist. Das Credo der 1949 ins Leben gerufenen Eremiten-Presse spricht für sich: „Der Verlag will keiner literarischen Garde dienen oder zeitgebundenen Tendenzen folgen.“ Das Außenseitertum war im Stierstädter Schloss ausdrücklich erwünscht.

Dort haben heute die Nachkommen der einstigen Vermieterfamilie Krämer das Sagen. Auf der Gartenparzelle, wo vorzeiten das Gebiss des Verlegers verloren ging, steht mittlerweile ein Wohnhaus, in dem benachbarten, von Sagen umrankten Fachwerkgebäude stapeln sich Garten- und Partymöbel.

Bis Ende der Achtziger ist das berühmte Häuschen am Bahndamm – nach dem unrühmlichen Auszug der Spät-Eremiten Hülsmanns und Reske – unter Nachmieter Wolfgang Schlick ein Treffpunkt für Kunstschaffende. Gefährdungen bleiben nicht aus: Wegen Erweiterung der Bahntrasse soll die vormalige Zimmerei-Halle niedergelegt werden, 1987 droht erneut eine Abbruchgenehmigung. Nur durch eine während der Buchmesse initiierte Unterschriftensammlung wird die Erinnerungsstätte schließlich erhalten. Ein Antrag auf Denkmalschutz hat das Landesamt jedoch abgelehnt.

Kurze Zeit später erinnern sich auch Oberurseler Kommunalpolitiker an den widerborstigen Literaten, für rund 23 000 Euro werden 80 Druckwerke angekauft. Bürgermeister Thomas Schadow will aus „Sanssouris“ ein Museum machen, sogar ein „Stadtschreiber“ soll dort einziehen. All die edlen Pläne lösen sich in Wohlgefallen auf, in Stierstadt kehrt wieder Ruhe ein.

Im Hause Krämer wird die Erinnerung gepflegt, eine Nutzung als Museum findet dort Zustimmung. Der Bau am Ortsrand dürfte der angemessene Ort für den wertvollen Eremiten-Bestand sein, der von heimischen Sammlern bislang im Privaten gehütet wird. Bürgermeister Hans-Georg Brum, der die Stierstädter Bohème als Kind bestaunt hat, hält die Idee für „überlegenswert“. „Ein Kreis von Mäzenen und Organisatoren müsste sich finden.“ Die hohe literarische Bedeutung von Stomps sei ihm bewusst – aber als städtische Außenstelle könne das Schlösschen nicht betrieben werden. „Es wäre der beste Platz“, so Gudrun Dittmeyer von den Litera-Touren, „um ein Projekt für junge Lyriker zu etablieren.“ Damit könne das wichtige Erbe der Eremiten-Presse angetreten und zugleich das literarische Profil der Stadt geschärft werden.

Noch immer sind Entdeckungen zu machen. Krämer-Tochter Inge öffnet das Tor einer zum Anwesen gehörenden Scheuer. „Hier wurde der 65. Geburtstag von VauO gefeiert.“ Hunderte von Gästen waren angereist, gelockt von einer mit Holzschnitt veredelten Einladung: „Ländliche Erfrischungen werden in kleinen Mengen gereicht.“ Der Blick geht hinauf zur Backsteinwand, wo sich ein raumgreifender Gruß bis in unsere Tage erhalten hat. Mit einem schwungvollen „Guten Morgen V. O.“ nebst Herzchen haben die Eremitensöhne ihrem „Rabenvater“ die Ehre erwiesen.

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