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Manfred Kopp steht auf einem Betonabguss des Holzschnitts zur Geschichte des Camp Kings.
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Manfred Kopp steht auf einem Betonabguss des Holzschnitts zur Geschichte des Camp Kings.

Oberursel

Eine Trümmerlandschaft mit Zukunft

  • vonJürgen Streicher
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Wer in Oberursel (Hochtaunuskreis) Spuren vom alten Camp King sucht, muss genau hinschauen.

Wer Spuren sucht vom alten Camp King, muss genau hinschauen. Das neue Camp scheint mit seiner Vergangenheit abgeschlossen zu haben. Nur wenige Relikte verweisen noch auf die rund 60 Jahre Geschichte, die das Gelände erlebt hat, bevor es zum Wohnquartier wurde.

Manfred Kopp ist ein Bewahrer. Sozusagen ein lebendes Archiv, was die Geschichte des Camp King betrifft. Und Thomas Kilpper, der auf seine künstlerische Art Spurensicherung betrieben hat, sein Bruder im Geiste. Über Monate hinweg hat er 1998 in der alten Sporthalle der US-Base gearbeitet, den Holzfußboden dort in ein riesiges Schnitzwerk verwandelt. Mit dem Schnitzmesser hat er die Geschichte des Camps ins Holz gehauen, ein Werk für eine Ewigkeit geschaffen. Die Oberurseler haben die Drohung von Jean Christophe Ammann beherzigt: „Sorgt dafür, dass dieses historische Werk erhalten wird, sonst kommt ihr alle ins Fegefeuer“, hatte der Direktor des Frankfurter Museums für Moderne Kunst angemahnt, als Kilpper das 336 Quadratmeter große Werk kurz vor der Jahrtausendwende vorstellte.

Als Bodenstempel der Erinnerung ist es geblieben, begehbar. Aufwendig und für viel Geld installiert als Betonabguss vor dem neuen Kinderhaus, damit die Kids der Neuzeit darauf Basketball spielen können wie Michael „Air“ Jordan, der legendäre US-Basketballer, der mit einer Wurfszene im Bilderreigen verewigt ist. „Wo bitte kann ich meine Grauwerte wiederfinden?“, steht über dem Gesamtkunstwerk. Das von Historiker Kopp zusammengestellte Camp-King-Archiv mit seinen Grauwerten hat einen bescheidenen Platz nebenan im Keller des Kinderhauses gefunden.

Wer weiß das alles noch? 25 Jahre danach sind die meisten Spuren der Vergangenheit getilgt. Aus einem Militärgelände ist ein modernes Wohnquartier des 21. Jahrhunderts geworden. Nur Namen sind beständig und ein paar Grundmauern von alten Siedlerhäusern, die in all den Jahren generalüberholt wurden. Der Name Camp King war mehr als 40 Jahre so eng mit der Stadt verbunden, dass das neue Wohnviertel auf jenem Grund und Boden auch so heißen musste. Und den Siedlungslehrhof der Nazis im hintersten Winkel des 16 Hektar großen Geländes gibt es auch noch. Ihm hat man einfach das „Reich“ aus dem Namen gestrichen.

Die Amerikaner hatten im Sommer 1993 noch nicht richtig „goodbye“ gesagt, da stand schon der erste Bürgermeister auf der Pressematte und verkündete, dass „ganz entscheidende Verhandlungen“ mit der Bundesvermögensverwaltung geführt würden. Der Bund war zum Eigentümer des Geländes geworden, die Stadt wollte es für ihre Ideen und Zwecke nutzen. Der Traum vom Wohnungsbau kreiste schon länger in den Köpfen der Stadtpolitik. Dass es noch ein fünf Jahre währendes zähes Ringen werden würde, mochte sich in der Euphorie der Hoffnung auf eine „einmalige Chance zur Schaffung von preiswertem Wohnraum“ niemand vorstellen. Ein „städtebauliches Herzstück im Oberurseler Norden“ visionierte SPD-Fraktionschef Hans-Georg Brum. Heute kann er sich als Bürgermeister zurücklehnen und in Superlativen vom „hochwertigen Baugebiet“ schwärmen. Von einer „Mustersiedlung“ mit ausgeklügelter Infrastruktur, von einem „Musterbeispiel für Konversionsgelände“.

Konversion! Es war das Zauberwort, als die US-Armee aus dem Rhein-Main-Gebiet abzog. Als plötzlich Platz für Wohn- oder Gewerbegebiete da war und nach neuen Nutzungen für Gebäude und Flächen gesucht wurde. Für „kompromisslosen Wohnungsbau“ hatten sich die Oberurseler entschieden, Zielvorstellung war immer, preiswerten Wohnraum vor allem für junge Familien zu schaffen. Ein dehnbarer Begriff, wie sich im Laufe des Prozesses herausstellte, Wunsch und Wirklichkeit klafften am Ende erheblich auseinander. Preiswert wurde es allenfalls in den Geschosswohnungen, die von den Amerikanern in mehreren Blöcken hinterlassen wurden. Man schrieb das Jahr 2000, die ersten zivilen Wohnungen auf dem einstigen US-Militärareal waren fertig. Die ersten von etwa 1000 neuen Bewohnern konnten einziehen.

Heute kann der Bürgermeister Brum ganz locker den „guten Schachzug“ loben, mit dem sein Vorgänger Gerd Krämer (CDU) und dessen parteiloser Baudezernent Eberhard Häfner beharrlich ihr Ziel verfolgten, das Gelände für eine „Projektentwicklung“ zu erwerben. Krämer selbst benutzte im heiteren Triumph gar das Wort „revolutionär“ für jenen Schachzug, der die Fachleute verblüffte. Mit einem Bundesgesetz trickste er den Bund aus, der nach dem Abzug der US-Army in den Verhandlungen stets 58 Millionen D-Mark für die etwa 155 000 Quadratmeter im Norden der Stadt verlangt hatte.

Für drei Wohnblocks, die von Grund auf saniert werden mussten, für wertlose Baracken, heruntergekommene Offiziershäuser, ein denkmalgeschütztes Ensemble kleiner Fachwerkhäuschen und einen recht großen parkähnlichen Baumbestand wollte die Stadt so viel nicht zahlen. Sie nutzte das Instrument der „städtebaulichen Entwicklungsmaßnahme“ und zahlte so nur für den „entwicklungsunbeeinflussten Wert“ von Grund und Boden. Im Mai 1998 war der Vertrag mit der Oberfinanzdirektion perfekt, bei 23,7 Millionen Mark fiel der Hammer. „Ein gutes Geschäft für die Stadt“, lobt Brum. Das binnen acht Jahren entstandene Wohnviertel mit Supermarkt, Geschäften und Postfiliale im Camp-King-Carrée mit Kita, Kinderhaus, Grundschule und Waldorfschule, mit Spielplätzen, Parklandschaft und Bouleplatz gilt als Vorzeigemodell in Sachen Konversion.

Kurz nach dem Deal mit der obersten Finanzbehörde konnte der Bau-Spielplatz eröffnet werden. Ein Pflaster für Spekulanten sollte er nicht werden. Zu seiner Vermarktung unter den wachsamen Augen des Stadtparlaments wurde die städtische Wohnbau GmbH in die „Stadtentwicklungs- und Wirtschaftsförderungsgesellschaft Oberursel (Sewo) mit einer Handvoll Mitarbeiter umfirmiert. Am 1. September 1998 nahm sie ihre Arbeit vor Ort im späteren Kinderhaus auf, bei einem Tag der offenen Tür standen Hunderte Interessenten Schlange, um sich die ersten Eigentumswohnungen in den Blocks anzuschauen. Zahlen wollten Stadt und Sewo auch acht Jahre danach beim offiziellen Abschlussfest zum Großprojekt nicht nennen, bestätigt wurde immer nur, dass die Sewo mit der Gesamtvermarktung keinen Verlust gemacht habe. Der Profit für die Stadt sei in der Infrastruktur im Quartier und in der Lebensqualität ablesbar, sagte Sewo-Geschäftsführer Klaus Witzel damals. Und zwei bisher nicht unproblematische Stadtviertel seien mit dem Camp King zur neuen Mitte im Norden geformt worden.

Den Rahm abgeschöpft haben private Bauträger, die das Carrée bauen und später einen Riegel mit zwei Vollgeschossen und Platz für 24 Wohnungen quer vor die alten Blocks setzen durften. Nach Eröffnung der Bautätigkeit wurde der Takt schneller. Zehn Planungsbüros haben sich um die mittleren Baufelder entlang der zentralen Achse Camp-King-Allee gekümmert. Knapp 130 Wohneinheiten waren dort vorgesehen, 77 Einfamilienhäuser unterschiedlicher Bautypen auf schmalen Grundstücken auf der einen Seite, ein paar Reihenhäuser und 54 Eigentumswohnungen in sechs Stadtvillen auf der anderen Seite mit Anschluss an das öffentliche Grün. Die alten Offiziershäuser am Eichenwäldchen im höhergelegenen Teil des Camps haben das lange Schachern nicht überlebt, an ihrer Stelle entstand das Projekt „Oakside“ mit acht Stadtvillen der feineren und teureren Art, nach hinten abgesichert durch Reihenhausbebauung.

Zum Problemviertel im neuen Quartier und später zum Schmuckstück entwickelte sich der denkmalgeschützte Bereich mit den alten Siedlerhäusern. Kleine Hütten, große Vorgaben, ein Baufeld für Idealisten mit dem nötigen Kleingeld, denn Umbau nach strengen Richtlinien und Anbauten wurden sehr teuer. „Es war wesentlich teurer als ein Neubau“, verriet Kerstin Schirduan damals, die mit ihrem Mann das erste Haus bezog. Dafür ist das alte Haus Nummer 985 amerikanischer Zählweise ein „Haus mit Geschichte“. Der frühere US-Außenminister Colin Powell soll während seiner Militärzeit in Deutschland seinen Dienstsitz in diesen Räumen gehabt haben.

Die Vermarktung der alten Siedlerhäuser gestaltete sich schwierig. Nur nach und nach belebte sich der Hang. Heute kommt er daher wie ein kleinstädtisches Idyll, einen Steinwurf entfernt von den Reihenhäusern in der Mitte. Gekrönt von der zum Luxus-Wohntempel umgebauten „Taunus Mountain Lodge“. Das Dorfgemeinschaftshaus der Nationalsozialisten und spätere Offizierscasino der Amerikaner kann in seiner aktuellen Performance aber nur mit gutem Willen als architektonisches Schmuckstück bezeichnet werden. Ausgerechnet der letzte Baustein im Camp der Zukunft, der nach zig geschmiedeten und wieder verworfenen Bau- und Finanzplänen mehr als 20 Jahre leerstand.

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