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"Ein dicker Kontoauszug macht nicht glücklich"

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Joachim Raif (50) hat täglich Umgang mit reichen   Menschen. Der Bankkaufmann  war zwölf Jahre Vermögensverwalter bei der Commerzbank und der Schweizerischen Kreditanstalt. Seit 1994  ist er selbstständiger Vermögensverwalter und Fondsmanager mit Büro an der Kaiser-Friedrich-Promenade.
Joachim Raif (50) hat täglich Umgang mit reichen Menschen. Der Bankkaufmann war zwölf Jahre Vermögensverwalter bei der Commerzbank und der Schweizerischen Kreditanstalt. Seit 1994 ist er selbstständiger Vermögensverwalter und Fondsmanager mit Büro an der Kaiser-Friedrich-Promenade. © privat

Der Vermögensverwalter Joachim Raif sieht Vermögende in der Pflicht, sich sozial zu engagieren. Mit Klaus Nissen über Arme und Reiche in Bad Homburg und über Helfen vor der Haustür.

Herr Raif, als Vermögensverwalter kennen Sie viele reiche Menschen im Hochtaunus. Einige spenden erstaunliche Summen für Soziales. Andere halten ihr Geld zusammen. Sind die geizig?Das glaube ich nicht. Es fehlt eher am Wissen, dass eine Einrichtung wie die Homburger Tafel nicht vom Staat bezahlt wird, sondern von Spenden abhängig ist. Wenn Vermögende erkennen, dass sie nachhaltig helfen können, dann geben sie auch stolze Beträge frei.

Verstehe ich Sie richtig? Die Reichen wissen nicht, dass auch Arme in Bad Homburg leben? Wenigstens nicht konkret. Sie sind ja nicht so sichtbar. Es überrascht schon, dass mindestens tausend Menschen auf die Lebensmittel von der Tafel angewiesen sind. Die nicht wissen, wie sie sonst mit 359 Euro im Monat über die Runden kommen. Es wird von den Vermögenden vielleicht auch ein Stück ausgeblendet. Weil sie vermuten, dass es ein weites soziales Netz gibt, geknüpft durch die Kommune, das Land und den Bund. Es fehlt das Bewusstsein, dass wir vor Ort wirklich Menschen in Not haben. Wenn man das transparent macht, dann wird es auch mehr private Hilfe geben. Zumal der Staat die Hälfte übernimmt. Es gibt hier viele Menschen, die den Höchststeuersatz zahlen. Wenn die 5000 Euro geben, zahlen sie netto nur 2500. Spenden bis zu zehn Prozent des Jahreseinkommens sind steuerlich absetzbar.

Welche Bedingungen stellen Reiche auf, ehe sie Geld für Soziales locker machen?Es sollte vor der eigenen Haustür Gutes tun. Hier in Bad Homburg. Das Geld soll in vollem Umfang segensreich wirken und von vertrauenswürdigen Leuten verwaltet werden. Eine konkrete und 100 Prozent soziale Verwendung des gespendeten Geldes muss vorher deutlich werden.

Hans-Joachim Wisser und seine Freunde sammelten bei einer Geburtstagsparty und einem Sommerfest 38.500 Euro für einen Lieferwagen der Homburger Tafel. Das Geld müsste eigentlich vom Sozialamt kommen. Fühlen Sie sich nicht als Reparaturbetrieb für den versagenden Sozialstaat missbraucht?Nein. Ich bin überzeugt, dass der Staat nicht für alles aufkommen kann. Diejenigen, die in diesem Land zu Vermögen gekommen sind, müssen sich verantwortlich zeigen. Etwas tun. Man fühlt sich auch gut, wenn man seine Mittel zum Lindern materieller Not einsetzen kann. Das wirkt über Monate nach. Man schläft gut und kann sich beim Rasieren im Spiegel mit Stolz ansehen.

Hilfsbereitschaft verbessert das Image. Tue Gutes und rede darüber, empfahl Graf Zedtwitz-Arnim.Daran ist nichts Schlechtes. Wenn auf dem neuen Tafel-Lieferwagen steht: "Gespendet von der Hans-Wisser-Stiftung", dann wirkt es positiv auf den Stifter zurück. Dann wird ihn bald ein Bekannter fragen: Ich hab´ deinen Namen auf so einem Kühlfahrzeug gelesen. Was hast du denn damit zu tun? Da wird Herzenswärme sichtbar, die mehr wert ist als Geld. Das wirkt positiver als ein Mercedesstern.

Aber zum heiligen Martin wird man so nicht. Der teilte seinen einzigen Mantel mit einem Armen und musste selber frieren.Sie können von niemandem verlangen, dass er sich mutwillig arm macht. Aber Sie können auch sicher sein, dass ein dicker Kontoauszug mit großen Zahlen weder glücklich macht noch beruhigt, noch den Besitzer irgendwie zufriedenstellt. Da wirkt ein Aufkleber auf einem Tafel-Fahrzeug schon nachhaltiger.

Interview: Klaus Nissen

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